Ausstellung: "Max Liebermann und Lesser Ury" in der Liebermann-Villa(Bild: rbb)
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- Ausstellung: "Max Liebermann und Lesser Ury"

Max Liebermann und Lesser Ury - privat mochten sie sich nicht. Was sie verbindet, ist der impressionistische Blick auf die Hauptstadt. Beide fingen die Stimmung der Metropole um die Jahrhundertwende immer wieder ein. Erstmals werden beide Perspektiven gegenübergestellt.

Was wohl der Hausherr dazu gesagt hätte? Der Inhalt dieser Kiste wäre ihm nicht in die Villa gekommen – das steht fest. Daniel Spanke aber, der Hausherr von heute, ist begeistert.

Daniel Spanke, Direktor der Liebermann-Villa

"Jetzt können wir das Bild willkommen heißen. Das ist immer ein besonders schöner Moment, wenn die Kiste aufgeht."

Begrüßt wird „Der Nollendorfplatz bei Nacht“ (1925) von Lesser Ury. Sonst in der Alten Nationalgalerie, verbringt das Bild nun den Sommer am Wannsee: nächtliche Szenerie, Autoverkehr, Lichter der Großstadt.

Daniel Spanke, Direktor der Liebermann-Villa

"Er hat am Nollendorfplatz gewohnt. Das war ihm sehr vertraut: der Nollendorfplatz mit dem Autoverkehr. Er war wirklich auch an der modernen Großstadt interessiert."

Am nächsten Tag. Auch die Kunsthistorikerin Chanah Schütz hat sich intensiv mit dem Werk beider Maler beschäftigt.

Chanah Schütz, Kunsthistorikerin Centrum Judaicum

"Die Atmosphäre ist das Wichtigste. Es ist egal, ob es jetzt das Licht ist oder der Scheinwerfer von dem Auto. Und wenn man sich hier mal so die Mitte des Bildes anschaut…"

Daniel Spanke, Direktor der Liebermann-Villa

"…es ist wirklich so ein Farbschleier. Und trotzdem ist uns klar, dass das eine regennasse Straße ist – das hat für mich wirklich etwas mit großer Kunst zu tun."

Lesser Ury kam aus der Nähe von Posen – vielleicht hat er sich so für die Großstadt begeistert, weil er aus einer Kleinstadt stammt. Sein Atelier hat er später in Schöneberg. Zeitgenossen beschreiben ihn als kauzigen Einzelgänger.

Chanah Schütz, Kunsthistorikerin Centrum Judaicum

"Es gibt also ganz schreckliche Geschichten, dass er auch fast schon bis zur Verwahrlosung in seiner Wohnung lebte. Ich habe hier das letzte Bild, dass es von Lesser Ury gibt. Wir kennen ja Liebermann mit seiner Palette – ich glaube, der hätte sich wahrscheinlich mit Grauen abgewandt."

Max Liebermann ist wohlhabender Unternehmersohn und erfolgreicher Maler. Ein mächtiger Mann in der Kunst, alteingesessener Berliner. Lesser Urys Karriere versucht er zu verhindern, wo er kann. Ury soll behauptet haben, ein Bild von Liebermann mitgemalt zu haben. Das kam bei dem gar nicht gut an.

Daniel Spanke, Direktor der Liebermann-Villa

"Und auch Liebermann war vom Charakter her ja durchaus konfrontationsbereit… Das war vielleicht eine unglückliche Mischung. Und Ury ist dann auch 14 Jahre jünger – das machte viel aus."

In dieser kleinen feinen Ausstellung sind die Unterschiede zwischen beiden auf engstem Raum zu entdecken. Den Tiergarten hat Max Liebermann, wohnhaft am Brandenburger Tor, besonders häufig gemalt.

Daniel Spanke, Direktor der Liebermann-Villa

"Den Tiergarten, den kannte Liebermann seit seiner Kindheit und hat ihn sehr geliebt. Das hat er immer wieder dargstellt, auch hier in diesem kleinen, wunderbaren Gemälde. Man hat dort flaniert, war gut angezogen, man verhält sich artig, sozusagen. Das war genau die gute Gesellschaft, der sich Liebermann auch selbst zugehörig gefühlt hat."

Das Kontrastprogramm im selben Raum. Der Tiergarten wie Lesser Ury ihn sieht.

Daniel Spanke, Direktor Max-Liebermann-Villa

"Diese Glätte der Straße, es hat was Abweisendes. Wir wissen gar nicht, wo stehen wir denn hier? So mitten auf der Straße, das kann auf Dauer nicht gutgehen…"

Chanah Schütz, Kunsthistorikerin Centrum Judaicum

"Der Künstler wählt, was für ihn das beste Sujet ist. Und für Liebermann ist es eben dieses sehr Subjektive, auch sehr Stolze: das ist meine Lebenswelt! Und Ury sagt nicht: das ist meine Lebenswelt, sondern das muss ich malen, so! Und damit trifft er, und das ist ja das Tolle an Kunst, sowas wie den Zeitgeist."

Die moderne Großstadt, auch mit Ihren Gefahren und Abgründen, auf der einen Seite. Beschauliches Berlin auf der anderen. Zwei Zeitgenossen, Zwei Berliner, zwei Streithähne – einhundert Jahre später endlich friedlich nebeneinander.

Autor: Steffen Prell

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