Ein historisches Foto der ufaFabrik (Bild: rbb)
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- Die Geschichte der ufaFabrik

Das heutige ufaFabrik-Gelände war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges das Kopierwerk der Ufa, der Universum Film AG. Zur Nazizeit wurde es zu Propagandazwecken genutzt. In den 70er Jahren wurde der Betrieb eingestellt und von Künstlern besetzt.

Sigrid Niemer war dabei, als vor 40 Jahren das Ufa-Gelände in Tempelhof besetzt wurde. Seitdem lebt die studierte Kunst- und Theaterpädagogin hier – sie kennt die wechselhafte Geschichte dieses Ortes.

Seit den Zwanziger Jahren stand hier eine Filmstadt.  Klassiker wie „Metropolis“ oder „Der blaue Engel“ wurden hier geschnitten, vertont und für die Kinos kopiert.

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Als wir damals her kamen, war das eine Riesenüberraschung zu sehen, was für ein wahnsinnstoller Saal da drin liegt."

Damals, Ender der 70er Jahre, war das ehemalige Ufa-Kino schon lange außer Betrieb.  

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Das hier ist jetzt unser Varietésalon, und man sieht ganz klar: Es ist ein altes Kino. Als wir in das Innere kamen, gab's hier viel Müll, viel Schutt - aber dazwischen auch Filmrollen, die aufgerissen waren. Filme waren rausgerissen, ein Tohuwabohu, Durcheinander, alte Gerätschaften hingen hier rum. Wir haben dann natürlich geguckt: Was ist denn drauf auf diesen Streifen, die da in der Gegend rumlagen? Da fanden wir dann Schnipsel von Django, von Fred Feuerstein."

Auf dem Ufa-Gelände wurde Filmgeschichte geschrieben. Regisseure, Filmmusiker, auch Ufa-Stars frequentieren in den Dreißigern den Sommergarten und das Kasino. Ab 1940 werden hier die berüchtigten Propaganda-Wochenschauen der Nazis kopiert. Propaganda-Chef Goebbels – so viel ist bekannt - nahm sie stets persönlich ab.

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Wir haben keine Beweise, dass er wirklich hier gewesen ist. Auf der anderen Seite kann man das vermuten und wir können uns schon gut vorstellen, dass er und seine engsten Mitarbeiter hier gewesen sind, um sich ganz genau ein Bild zu machen von dem, was da in die Öffentlichkeit getragen wurde."

So sah der für solche Spezialvorführungen ausgestattete Saal damals aus.

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Natürlich haben wir zusammen gesessen und überlegt: Wie gehen wir mit diesem Erbe um? Dann haben wir eine Weile  diskutiert und dann haben wir ein großes Ritual gefeiert, wir haben viel in Bewegung gesetzt, die alten Geister sozusagen ausgetrieben und wir haben neue Spirits eingeladen und haben gesagt: Wir sind das zweite Leben der Ufa."

Sigrid Niemer nimmt uns mit in den ehemaligen Projektionsraum, mittlerweile eine Rumpelkammer der Kino-Vergangenheit.  

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Ist ja auch alles hier unter einer dicken Staubschicht. Hier sind noch Filmrollen - wär' ja total interessant mal zu gucken, was das wohl für Schätze sind."

Hier werden keine Filme mehr gezeigt. Die Besetzer wollten ihre eigenen Ideen von Kunst und Leben verwirklichen.

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Für uns war es ein beflügelnder Gedanke, dass wir Kreativität und unsere Träume auf einer anderen Ebene, aber doch weiterführen."

Die Besetzung im Juni 1979 begann mit einem wohlwollenden Fernsehbeitrag. Die Botschaft an die Berliner: Sind eigentlich ganz harmlos, diese Lebenskünstler.

SFB-Reporter (Archiv)

"Hier existiert ein Grundstück, auf dem früher Filme hergestellt und bearbeitet worden sind. Für dieses Grundstück interessieren sich Berliner Bürgerinitiativen und Gruppen, die hier Kulturarbeit leisten wollen."

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Wir hatten damals viele Freunde, darunter waren auch Journalisten. Und mit denen haben wir dann hier auf dem Gelände uns Wochen vorher schon getroffen und einen Film gedreht: Was wäre wenn? Was wäre, wenn wir hier auf diesem Gelände wären, was würden wir dann alles tun?"

Während der Film über den Sender geht, entern die Kommunarden durch ein Loch im Zaun das Gelände: "Friedliche Wiederinbetriebnahme" nennen sie das. Viele West-Berliner sympathisieren damals mit dem Projekt. Schnell bekommen die Besetzer vom Senat einen offiziellen Pachtvertrag. Die Ufa-Fabrik trifft den Nerv der Zeit, in der Utopien noch machbar erscheinen.

Sigrid Niemer, Leiterin Kommunikation ufaFabrik

"Aus diesem Geist ist die ufaFabrik tatsächlich entstanden: Aus dem Selbstvertrauen, dass man für sich selbst die Dinge entwickeln kann - und nicht darauf wartet, dass irgend jemand das für einen tut."

Mit diesem Selbstvertrauen blicken Sigrid Niemer und ihre Ufa-Familie auch in die Zukunft. Sie werden weiterhin an ihrer Traum-Fabrik festhalten.

Autor: Andreas Lueg

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