Andrea Zeitzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie auf dem Dach der Philharmonie (Bild: rbb-Fernsehen)
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- Ein Tag mit Andrea Zietzschmann

Statt mit einer Limosine fährt sie mit dem Fahrrad auf Arbeit: Intendantin Andrea Zietzschmann ist die Frau, die in der Berliner Philharmonie die Fäden in der Hand hält. Für das Open Air am Brandenburger Tor hat sie gekämpft. Es war ihr wichtig, dass alle an dem Neubeginn mit Kirill Petrenko teilhaben können.

Den Blick vom Dach der Philharmonie können nur wenige genießen.

Andrea Zietzschmann kommt gern hier her. Seit 2 Jahren ist sie die Intendantin des Hauses. In einem der besten Orchester der Welt darf sie den Ton angeben.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"In meiner Position sind wir nur vier Frauen in Europa. Das ist wirklich eigentlich schrecklich, muss man sagen. Ich versuche die Frauen, die ich auf der zweiten Ebene in der Planung erlebe, zu ermutigen weiter zu gehen und sich das auch zuzutrauen."

Ihr Weg zur Arbeit führt sie heute mit dem Fahrrad durch das Brandenburger Tor, das Symbol für die Öffnung Europas. Für die Intendantin ist das der perfekte Ort, um den Auftakt der neuen Spielzeit zu feiern. Ihr ist es wichtig, dass Alle kommen können. Statussymbole sind ihr dagegen egal.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Die ehemaligen Philharmoniker würden sagen: 'Warum keine Limousine?'. Klar, das würde mir zustehen. Das kann ich machen, aber ich finde das Fahrrad ist einfach zeitgemäß: Man hat diese Freiheit, man ist schnell, man bewegt sich. Ich muss nie einen Parkplatz suchen. Ich hab gerne mein Auto verkauft und vermisse es überhaupt nicht."

70 Minuten Beethoven am Brandenburger Tor bedeuten für die Intendantin zwei Jahre Vorbereitung.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Ich mach ja auch viel Programmplanung. Das heißt: Alles, was in der Saison passiert im Haus mit dem Orchester wird an meinem Schreibtisch geplant. Natürlich haben wir da viele Gespräche mit Musikern und Dirigenten und das ist auch meine Leidenschaft.

Zum Beispiel dieses Open Air. Ich dachte: Das machen wir jetzt einfach. Und ich hatte da wirklich so viele Niederlagen und Rückschläge auch mit dem Verfahren, das genehmigt zu bekommen. Da hab ich gesagt: Nein, das muss sein! Wir möchten auch einfach diese Teilhabe schaffen für diese vielen tausenden Menschen, dass sie auch partizipieren können an unserem Ereignis. An unserem Neubeginn mit Petrenko."

Kirill Petrenko, der neue Chefdirigent scheut Interviews und möchte lieber die Musik sprechen lassen. Und wie spricht er mit der Intendantin?

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Ich nenne ihn beim Vornamen und sieze ihn. Das finde ich auch sehr schön muss ich sagen."

Die Probenpause nutzt Andrea Zietzschmann für eine Besprechung mit dem Orchestervorstand. Cellist Knut Weber und Klarinettist Alexander Bader erzählen vom ersten Probentag.

Knut Weber, Cellist der Berliner Philharmoniker

„Also ich fand es irgedwie cool, dass genau am ersten Tag unseres kamerascheuen Chefs die Kameras ausgefallen sind im Haus."

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Die Übertragungskameras sind ausgefallen! Ich konnte ihn gar nicht sehen. Ich war richtig traurig. Und wie ist die Probe gelaufen?"

Knut Weber, Cellist der Berliner Philharmoniker

"Ja, war sehr gut, sehr konzentriert. Er hat ja nur zwei ganze Proben für Beethoven. Er hat jetzt in der ersten Hälfte einen Durchlauf gemacht, damit er mal sieht wo wir stehen und wo wir zusammen kommen müssen."

Auch während der Auftritte der Philharmoniker ist die Intendantin oft gefragt.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Ich hab meinen festen Sitzplatz. Das ist manchmal ein bisschen schade, weil ich nicht alle klanglichen Perspektiven des Hörens erleben kann. Aber es ist ganz wichtig: Ich hab hier meinen Randplatz. Hier geht gleich die Treppe runter und ich bin dann ganz, ganz schnell Backstage, in ungefähr einer Minute und das hat einfach den Vorteil, dass ich in der letzten Minute rein kommen kann. Oft bin ich auch noch beim Dirigenten, beim Solisten um etwas zu klären. Manchmal muss ich Ansagen machen: Wenn ein Solist ausgefallen ist, muss ich auf die Bühne."

Auf der Bühne hätte Andrea Zietzschmann übrigens auch Karriere machen können.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus. Meine Großmutter war Opernsängerin. Ich habe mit 8 entschieden Geige zu lernen. Und habe so viel geübt, dass es so schnell voranging, dass ich auch im Orchester spielen konnte. Ich hab früh gespart für die ersten Langspielplatten. Das waren auch die Berliner Philharmoniker. Das weiß ich noch, wie ich die glücklich und stolz in den Händen hielt"

Tape-Art, ein Kunstwerk aus Klebestreifen. Selbst die Fassade und das Foyer der Philharmonie sollen es ausstrahlen: Hier herrscht eine neue Energie.

Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmonie

"Im Februar haben wir ein echtes Experiment und zwar holen wir elektronische Technomusik hier zum ersten Mal ins Haus. Auch das ist eine Kunstform und auch da gibt es so hervorragende Künstler, die auch präsentiert werden sollten, also ich find das sehr inspirierend."

Pausen gibt es für Andrea Zietzschmann keine. Nach dem Konzert am Brandenburger Tor geht schon wieder auf Tournee.

Autorin: Charlotte Pollex

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