Besucherservice Fernsehturm (Bild: rbb/Thomas Billhardt)
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- Ein Tag im Fernsehturm

Roswitha Gerlach war 19 Jahre alt, als sie 1969 begann, für den Besucherservice im Fernsehturm, damals "Berlin Information" zu arbeiten. Wir begleiten die heute 69-Jährige auf einen Erinnerungsspaziergang. Wie war es damals? Wie ist es heute?

Aus der Wochenschau 1968

"Tatsächlich ein kräftiger Bursche. Am 19. Jahrestag der Republik wurde ihm sozusagen die Nase ins Gesicht geklebt. Das letzte Segment der vielgerühmten Telecafé-Kugel suchte und fand seinen Platz. Die Sache wurde rund."

Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR

"Stolz erhebt sich im Zentrum der Hauptstadt der DDR dieser Fernseh- und UKW-Turm. Im gewissen Sinne symbolisiert er die gewaltigen Leistungen unseres werktätigen Volkes beim Aufbau des Sozialismus."

368 Meter ist er hoch, der Turm, der 1969 eröffnet wird. Eine, die hier vor 50 Jahren ihren Traumjob angetreten hat, ist sie:

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Hallo, Roswitha Gerlach."

Damals war sie 19.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Das war schon toll. Ich habe Gruppenbestellungen per Telefon und per Post. Manchmal kamen täglich Wäschekörbe voll. Dann habe ich noch zweimal in der Woche Sprechstunde gehabt, wo die Leute sich angestellt haben um für ihre Kollektive einen Termin zu bekommen."

Ohne Termin müssen die Besucher schon mal drei bis vier Stunden anstehen. Sie kommen von überall her.

Besucher

"Ich komme aus Karl-Marx-Stadt und möchte mir einmal Berlin von oben beschauen. Das stelle ich mir doch sehr interessant vor."

Eine Millionen Menschen besuchen den Turm bereits im ersten Jahr.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Da war man schon stolz drauf, dass so was tolles in dieser Größe entsteht. Diese Fahrstühle, zwei gab es damals auch schon. Es gab auch zwei verschiedene Geschwindigkeiten einmal sechs Meter pro Sekunde und einmal zwölf Meter pro Sekunde."

Im Telecafé gibt es Teletorte und Baumkuchen. Die Karte - deutsch, russisch, englisch und französisch. Für die Hostessen gibt es eigens entworfene Uniformen. Heute kommt Roswitha Gerlach als Gast hier her - ihr Jackett so rot wie damals.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Es war praktisch die Kleidung für das Aussichtsgeschoss. Es gab eben auch verschiedene Blusen mit Jabo, wenn es denn was ganz besonderes sein sollte. Das Jabo hat mein Mann dann zur Hochzeit getragen, statt Krawatte oder Fliege.“

Der Job der Hostessen: den Gästen ausgewählte Stadtinformationen geben.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Denen wurde dann erklärt wo hier was ist und was man jetzt sieht. Man konnte praktisch auch nach Westberlin schauen. Darauf wurde natürlich nicht großartig aufmerksam gemacht, sondern nur auf die Objekte die in der DDR sind."

Roswitha Gerlach hat noch ihren Arbeitsvertrag. Sie bekommt damals 530 Ost-Mark. Mitgebracht hat sie auch die Beurteilung ihrer Arbeit.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Soll ich mal richtig vorlesen? Ja! Mit großer Genauigkeit und persönlicher Einsatzbereitschaft erfüllte sie alle an sie gestellten Forderungen. Kollegin Gerlach war ständig bemüht ihre Arbeitsergebnisse zu verbessern und nahm Hinweise gern entgegen. Da hab ich mich ein bisschen auch gefreut."

Regina Gerlach trifft die heutige Chefin des Hauses Christina Aue. Der Prestigebau der DDR ist heute längst das Wahrzeichen Berlins geworden, ein allgemeines Kulturgut, meint Christina Aue.

Christina Aue, Geschäftsführerin

"Es ist rein theoretisch überhaupt nur gebaut worden, um das Fernsehen, das Farbfernsehen senden zu können. Gleichzeitig die Vision zu haben, ich installiere da ein Drehrestaurant und eine Aussichtsplattform und mach den Turm allen Menschen zugänglich - das ist doch eine Wahnsinns-Vision. Darauf kann man doch mit Fug und Recht stolz sein. Da muss man gar nichts für Tun, das viele Menschen darauf heute noch stolz sind."

Für Roswitha Gerlach gehört der Fernsehturm zu ihrem Leben. Es ist für sie wie nach Hause kommen. Zum Abschied gönnt sie sich das, was sie schon vor 50 Jahren gern hier gegessen hat.

Roswitha Gerlach, Besucherservice

"Ich hätte gerne eine Soljanka."

Autorin: Theresa Majerowitsch

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