Designer Erich John steht vor seiner Weltzeituhr (Bild: rbb)
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- Die Weltzeituhr und ihr Designer

Der Fernsehturm wird 50 und auch seine Nachbarin, die Weltzeituhr. Wir treffen Erich John den Designer der Weltzeituhr. Was hat er damals für spektakuläre Ideen verwirklicht und was ist eigentlich aus dem Alexanderplatz heute geworden?

An der Weltzeituhr, mitten im Herzen von Berlin, da trifft man sich – absichtlich oder zufällig. Wir haben gerade erst die Kamera ausgepackt, da wird Erich John schon angesprochen.

Erich John, Formgestalter

"Es ging hier darum die Zeit darzustellen. Ich hab einen Wettbewerb gewonnen und dann kamen die auf die Idee, ob ich das nicht realisieren könnte. Das war eine schwierige Prozedur."

Es ist ein später Ruhm, der Erich John da ereilt. Die Uhr kennt jeder in Berlin, er selber war lange unbekannt. Jetzt, zu ihrem 50. Geburtstag, ändert sich das ein bisschen.

Erich John ist Jahrgang 1932 – aufgewachsen in einem Dorf in Böhmen. Die Weltzeituhr in der Hauptstadt, da wo man sich seit 50 Jahren trifft, ist auch inspiriert durch eine Kindheitserinnerung.

Erich John, Formgestalter

"Die Linde im Dorf in Böhmen, in dem ich aufgewachsen bin, war immer der Treffpunkt im Dorf. Insofern hat sie natürlich eine abstrakte Ähnlichkeit mit der Linde."

Bei ihm zuhause, zwanzig Minuten vom Alexanderplatz entfernt, zeigt uns Erich John sein kleines Weltzeituhr-Archiv. Im Sommer 1968 ist Erich John Dozent an der Kunsthochschule Weißensee. Er wird auf dem Flur angesprochen, da sei ein Wettbewerb für eine Uhr auf dem neuen Alexanderplatz, er solle mal mitmachen.

Erich John, Formgestalter

"Mauer… Furchtbar! Etwas machen, was über die Mauer hinausgeht. Es ging um ein Symbol für Berlin, das über die Mauer hinausgeht, das tatsächlich die Weltoffenheit dieser Stadt darstellt. Das war im Hinterkopf. Um Gottes Willen, zu DDR-Zeiten nicht öffentlich zu sagen."

In neun Monaten muss die Uhr fertig werden – mit sogenannten Feierabendbrigaden, Stundenlohn 15 DDR-Mark, klappt es irgendwie. Die Berliner Weltzeituhr entsteht in Rathenow. Im Keller – ein Erinnerungsstück.

Erich John, Formgestalter

"Das ist mein Bauhelm. Sehe bloß die Namen… Der Winkler ist zum Beispiel für den Stahlbau verantwortlich gewesen. Kölschbach war der Schweißer. Kann ihn ja mal aufsetzen."

Im Dachgeschoss – ein kleines Erich-John-Museum. Die Weltzeituhr war nur ein Projekt von vielen. Besteck von 1959 – hergestellt in Karl-Marx-Stadt. 

Erich John, Formgestalter

"Und das war ausschließlich für die Schweiz und war versilbert. Und jetzt, nach der Wende, taucht das wieder auf."

Designer würde er sich nicht nennen wollen – Formgestalter hieß es damals – in beiden Teilen Deutschlands.

Erich John, Formgestalter

"Mit wenig und noch unzureichender Technologie Optimales zu machen, was vor allem auch langlebig ist. Unsere Nachfahren wollen ja auch noch angenehm leben und nicht nur wir können alles verschleißen und verbrauchen."

An der Weltzeituhr – da trifft man sich, seit 50 Jahren. Einmal, 1989, haben sich hier ganz schön viele getroffen. Die DDR existiert nicht mehr. Nicht einmal das Sonnensystem hat Bestand, der Pluto ist kein Planet mehr. Die Dorflinde aber steht immer noch. Und Erich Johns Sohn, der ist mittlerweile auch schon 63.

Erich John, Formgestalter

"Hier hat mein Sohn mir zum Geburtstag im Februar 1969 ein Gedicht gemacht:

Vati, Du hast so viel bei der Weltzeituhr gedacht
und Dir so manche Falte am Kopf gemacht.
Aber es wurde Dein Vorschlag angenommen
und Du hast den ersten Preis bekommen.
Stolz wird sie auf dem Alexanderplatz stehen
und die Leute werden mit Staunen vorübergehen.

Und dann hat er mir noch Zeichnung dazu gemacht: Vater und die Weltzeituhr…"

Autor: Steffen Prell

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