Ein Exponat der Ausstellung "Bodenproben Berlin. Die letzten 12.000 Jahre" (Bild: rbb)
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- Ausstellung "Bodenproben Berlin"

Das Kunstprojekt „Bodenproben Berlin. Die letzten 12.000 Jahre“ im CLB im Aufbauhaus unternimmt eine Zeitreise in die Vergangenheit und lernt für die Gegenwart. Künstler haben selbst gegraben und entwickeln künstlerische Fragestellungen zu Klima und Umwelt.

Uwe Gössel ist Künstler und ein Mann der Tat. Mission Moritzplatz: Auf diesem, wie er sagt, blinden Fleck der Stadt, zwischen vorbeirauschenden Autos schickt Gössel sich an, dem Berliner Boden ein paar seiner Geheimnisse zu entreißen.    

Uwe Gössel, Künstler

"Ich grabe hier in der Erde, einfach mal um zu gucken, wo wir da hinkommen. Die These ist: Da ist alles eingelagert, was früher war und die Erde ist wie ein Akkumulator, der alles speichert."

Deshalb heißt das Kunstprojekt „Bodenproben – Die letzten 12.000 Jahre“, für das Gössel auf dem Moritzplatz buddelt. Um den Erfahrungsspeicher der Erde zu knacken, fängt der Künstler in der jüngsten Vergangenheit an.

Uwe Gössel, Künstler

"Hier war Zonenrandgebiet, dahinten war die Mauer. Wenn man 74 Jahre zurückgeht, war die Bombardierung und wenn man dann noch weiter zurückgeht, dann kommen wir bei den Bauern an, die hier versucht haben, in diesem sandigen Boden irgendwas anzubauen. Und wenn wir dann noch weiter zurückgehen, dann landen wir tatsächlich in diesem Urstromtal."

Ein Chaos aus Schlamm, Sand und Geröll - Schmelzende Gletscher schoben es nach dem Ende der Eiszeit von Skandinavien bis in die heutige Mitte Berlins. Was erzählt uns der so entstandene Berliner Boden heute, fragten sich Gössel und Ausstellungskurator Sven Sappelt. Und gibt es eigentlich was Neues von den Ur-Berlinern, Wildbeutern aus Mesopotamien?

Uwe Gössel, Künstler

"Die ersten Berliner die waren recht rasch da - vor 12.000 Jahren. Die Rentierjäger lebten hier nomadisch und erst wieder 4.000 Jahre später kamen die ersten, die sich hier sesshaft niederließen."

Sven Sappelt, Kurator "Bodenproben" - CLB-Galerie

"Der Boden hier hat eine Migrationsgeschichte und ist letztlich getrieben von den Klimakräften aus dem Norden. Nation, Stadt, Heimat - das ist natürlich alles wahnsinnig relativ, wenn man auf diese 12.000, auf die Millionen, auf die Milliarden Jahre guckt."

Die Zeit schleift alles, was Menschen aufbauen, sei es mit Steinen oder mit Ideen. Ein paar faszinierende Reste davon finden sich in der Ausstellung "Bodenproben".

Sven Sappelt, Kurator "Bodenproben" - CLB-Galerie

"Das hier ist ein Kollege aus Finnland, der ist 1,65 Milliarden Jahre alt."

Das Stadtmuseum Berlin sorgte für den Faktencheck und steuerte Exponate bei. Zu sehen sind Gesteinsschichten, die eine Bohrung neben dem Reichstag zu Tage förderte: der Schenkelknochen eines Wollnashorns und ein Mammut-Backenzahn, Alter: mindestens 12.000 Jahre. Dazu läuft eine Klanginstallation des Künstlers Mark Polscher, die den Vorgängen im Erdinnern abgelauschte.

Ein Video zeigt fünf junge Männer, Geflüchtete aus Afghanistan, die ihre Reiseroute an den Strand des Straussees in Brandenburg malen. Es ist dieselbe Balkanroute, die jene ersten Berliner vor 12.000 Jahren nahmen.  

Uwe Gössel, Künstler

"Also Geflüchtete von heute auf denselben Fluchtrouten wie die ersten Menschen, die hier jemals nach der letzten Eiszeit gesiedelt haben."

Alles ist ein ewiger Kreislauf, alles hängt mit allem zusammen – irgendwie. Graben und Grübeln liegen nur ein paar Spatenstiche auseinander bei dieser Ausstellung.

Sven Sappelt, Kurator

"Letztlich versuchen wir hier einen Raum zu schaffen, wo man idealerweise einen Schritt zurücktritt und sich klarmacht, wie eigentlich diese Zusammenhänge räumlich im globalen Maßstab, aber letztlich auch zeitlich in diesem menschheitsgeschichtlichen, evolutionären Maßstab - wie man sich diese unglaublichen Größenordnungen vergegenwärtigen kann."

Uwe Gössel, Künstler

"Wir sind heute in einem technischen Zeitalter und da droht es manchmal so ein bisschen in Vergessenheit zu geraten, wo wir eigentlich mal hergekommen sind. Und wo wir nach unserem Tod mal enden werden, nämlich in der Regel einen Meter unterm Erdboden."

Doch vorher gibt es hier noch eine Menge spannende Einblicke in die Vergangenheit der Stadt – im Boden unter Berlin.

Autor: Andreas Lueg

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