Archäologen arbeiten in der Grabungsstätte Molkenmarkt (Bild: rbb)
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- Ein Tag im Grabungsareal Molkenmarkt

Berlin, Schicht für Schicht - Der Molkenmarkt ist eine der ältesten Gegenden Berlins. Bevor hier neue Straßenzüge entstehen, erforschen Archäologen die Erdschichten. rbb Kultur begleitet sie beim Freilegen der Jahrhunderte.

Nach einem verregneten Morgen ist sie plötzlich da – die Sonne über der Grabungsstelle am Molkenmarkt hinter dem roten Rathaus. Sebastian Heber ist einer von zwei Archäologen im Grabungsteam und macht sich mit Vermessungstechniker Janko gleich an die Arbeit.

Sebastian Heber, Archäologe

"Der Molkenmarkt ist der älteste Markt Berlins. Der wird bereits im 13. Jahrhundert als der alte Markt, der oulde Markt, erwähnt. Wir sind hier ganz nah dran an der mittelalterlichen Stadtgeschichte und Stadtentstehung von Berlin."

Schicht für Schicht kommt hier Berliner Stadtgeschichte zum Vorschein. Jedes freigelegte Mauerstück wird genau vermessen. Später soll daraus ein Plan entstehen, der zeigt wie sich das historische Viertel im Laufe der Zeit verändert hat.

Sebastian Heber, Archäologe

"Wir befinden uns jetzt mitten in einem Häuser-Karree, das hier ursprünglich bis 1935/36 gestanden hat. Man sieht hier den Blick aus dem Turmgeschoss des Stadthauses heraus. Das ist dieses Stadtviertel, das wir ausgraben. Das ist die Nikolaikirche, hier ist der Berliner Dom und hier ist die Kuppel vom Stadtschloss."

Schon seit seiner Kindheit ist Sebastian Heber fasziniert von der Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten fährt er einmal pro Jahr mit der Arbeitsgemeinschaft junger Archäologen auf Grabungen, darf dort mithelfen. Davon losgekommen ist er nie.

Sebastian Heber, Archäologe

"Ich finde es spannend, wie Menschen früher gelebt haben und zu wissen, dass viele Alltagsgegenstände, die man in der Hand halten kann, Leute vor längerer Zeit in der Hand gehabt haben. Da stecken Menschen dahinter, die sich gefreut oder gelitten haben – ähnlich wie wir."

Bei der Grabung hier am Molkenmarkt, gibt es allerdings kaum Gelegenheit, um in der Vergangenheit zu schwelgen. Denn hier geht es nicht darum, die historischen Mauern zu erhalten und zu bewundern.

Sebastian Heber, Archäologe

"Archäologie oder die Grabung ist eigentlich eine dokumentierte Zerstörung. Die Sachen werden für Bauwerke abgetragen, die hier entstehen sollen. Der Berliner Senat plant auf diesen Flächen wieder Wohngebäude errichten zu lassen."

Immer wieder findet das Team Spuren der Menschen, die hier vor 100 oder 200 Jahren gelebt haben. Die Entdeckungen landen bei Fundbearbeiterin Wiebke Lepke, die gleich nebenan im alten Stadthaus sitzt.

Sebastian Heber, Archäologe

"Hallo Wiebke, guck mal, ich hab dir was Schönes mitgebracht."

Wiebke Lepke, Fundbearbeiterin

"Oh ein paar Ofenkacheln, sehr schön. Mal mit Farbe."

Sebastian Heber, Archäologe

"Die werden jetzt gründlich gewaschen und dann gucken wir uns die nochmal an inwieweit man das zusammensetzen kann."

Wiebke Lepke, Fundbearbeiterin

"Ganz normales Leitungswasser ohne Seife ohne zu dollen Druck, deswegen die Zahnbürste, damit uns auch nichts von der Glasur verloren geht. Ein bisschen was kann man schon mal sehen."

Ein erster Erfolg an diesem Tag! Zurück auf der Grabungsstelle gibt es noch mehr.  Die beiden Grabungshelfer Jan und Klara haben den Grund eines Latrinenschachts entdeckt, also eine historische Toilette.

Sebastian Heber, Archäologe

"Gerade in der Öffentlichkeit steht es so dar, als wären wir Goldsucher oder Schatzsucher, aber oft sind es gerade diese kleinen Sachen, die vielleicht gar nicht den riesen materiellen Wert haben. Wir versuchen eher die Zeit zu dokumentieren, was vor uns war. Das erfordert eben eine sehr genaue Arbeit."

Sebastian Heber wird hier noch ein paar Jahre weiter graben. Irgendwann, sagt er, wünscht er sich einen idyllischeren Grabungsort – am liebsten irgendwo an der Havel oder der Spree.

Autorin: Anna Tschöpe

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