Die Geschichte des Radialsystems (Bild: rbb)
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- Die Geschichte des Radialsystems

Das Radialsystem wurde im 19. Jahrhundert als Teil der neuartigen Berliner Abwasserentsorgung gebaut. 2005 wurde es zu einem Kulturzentrum umgebaut. Arne Kuczmera, ein ehemaliger Mitarbeiter der Wasserbetriebe erzählt die Geschichte des Hauses.

Kaum einer kennt das Gebäude so gut wie er - aus einer Zeit, als es noch kein Kunstort war. Arne Kuczmera ist kein Tänzer oder Performancekünstler. Er war vierzig Jahre lang Maschinist. Und weiß, woher der Name Radialsystem stammt.

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Ich habe hier früher gearbeitet. Das ist eigentlich das letzte Überbleibsel - ein halbes Schwungrad von einer alten Kolbenpumpe. 1873 fing man in Berlin an, die ersten Abwasserkanäle zu bauen und da brauchte man Pumpwerke. Deshalb war der Plan, Berlin aufzuteilen in ein sogenanntes Radialsystem und in diesem Radialsystem gab es zwölf Entwässerungsbezirke, zwölf Radiale, und hier stehen wir vor dem fünften."

Zehn Jahre war er nicht mehr hier. Mit uns will er sich das Haus noch einmal anschauen, zusammen mit der heutigen Chefin.

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Herzlich willkommen!"

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Ich habe Ihnen auch ein bisschen was mitgebracht."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Historisches Material, super."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Wissen Sie, dass hier 1914 am Tag 9.000 Kilo Kohle verfeuert wurden. Da sehen Sie die riesigen Kesselanlagen. Jetzt haben wir die Schienen in der Erde, früher war hier Lorenbetrieb."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Die führten bis in das hinein, was wir heute immer noch Halle nennen."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Genau."

In der DDR war das Pumpwerk für Mitte und Friedrichshain zuständig. Direkt auf dem Mauerstreifen.

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Wenn man überlegt, dass die andere Seite Sperrgebiet war."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Und soweit ich weiß, war diese Garage da drüben eine Garage der Wasserschutzpolizei der DDR."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Vollkommen richtig. Da standen zwei Boote drin. Die patrouillierten hier auf der Spree. Ohne Passierschein ist man hier gar nicht reingekommen."

Wo heute die Zuschauertribüne steht, war damals der Maschinensaal. Noch bis 1999 wurde hier Abwasser weggepumpt.

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Gibt es denn die alte Kranbahn noch?"

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Oh ja, die gibt's noch. Da!"

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Herrlich."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Wir benutzen die tatsächlich auch immer noch."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Mensch, schön, die alten Fliesen sind ja auch noch komplett erhalten."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Die alte Jugendstilglasdecke - Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, das hätte ich auch gerne noch erlebt."

Und dann wollen beide noch den Keller erkunden. Arne Kuczmera hat seine alte "Kombi" mitgebracht, die er hier getragen hat. Für uns zieht er sie nochmal an. Die Wendeltreppe kennt er noch nicht.

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Rohre sind hier immer noch, aber alt sehen die nicht aus."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Das war hier ein riesengroßer Raum."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Wenn wir mal reingehen: Wir stehen unterhalb unserer Tribüne. Das ist die Tribünenkonstruktion. Es ist wahnsinnig schön, an so einem geschichtlich aufgeladenen Ort, etwas Neues machen zu können."

Zum Schluss zeigt Friederike Hofmeister dem ehemaligen Maschinisten noch das Dach. Das gab es hier früher auch nicht. Arne Kuczmera ist begeistert.

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"Fahren Sie eigentlich noch in den Urlaub?"

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Das muss man wirklich sagen: ein traumhaft schöner Ort."

Arne Kuczmera, Berliner Wasserbetriebe
"So ein Ort lebt natürlich durch Kultur und Kunst vielleicht noch ein Stück mehr, als wenn wir hier irgendeinen Betrieb oder eine Firma drin hätten. Das ist hier wirklich gelungen. Wir sehen: Das Alte, Historische ist erhalten, kombiniert und transportiert in die neue Zeit: perfekt."

Friederike Hofmeister, Geschäftsführerin Radialsystem
"Das freut mich, wenn Sie das so sehen. Alles Gute!"

Autor: Norbert Kron

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