Historische Fotografie des Tieranatomischen Theaters in der Charité Berlin (Bild: rbb)
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- Die neue Wunderkammer

Das Tieranatomische Theater der Charité von 1790 ist das älteste erhaltene Lehrgebäude Berlins. Bekannt wurde es vor allem durch zahlreiche Spielfilme, die den charakteristischen Vorlesungssaal als Kulisse nutzen.

Das Tieranatomische Theater der Humboldt Universität ist der älteste Hörsaal Berlins, und vielleicht auch der unheimlichste. Felix Sattler kennt die Geschichte des  Gebäudes, in dem heute vor allem Ausstellungen stattfinden. Zwischen 1790 und 1900 wurden hier noch Tiere zu Forschungszwecken seziert.

Früher roch es hier nach Schlachtvieh und Methanol. Später blickten Studenten nur noch auf trockene Dokumente.

Heute ist Chef-Kurator Felix Sattler mit seiner neuen Ausstellung im Nebenraum beschäftigt. Sie heißt "Flechtwerk der Dinge". Es geht um die große Frage, wie Wissen entsteht. Dafür hat Felix Sattler 80 Objekte ausgesucht. In wenigen Tagen sollen sie alle in den Schränken liegen.

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Das ist ein wunderschöner Ausstellungsraum, einer der schönsten Räume in diesem insgesamt sehr attraktiven Gebäude. Und die Schränke, die Sie hier jetzt sehen, sind von 1790, so wie das Gebäude. Die haben 220 Jahre auf dem Buckel und sind gut erhalten und wunderschön. Als ich vor sechs Jahren angefangen habe, als Kurator dieses Gebäude zu leiten, habe ich mir überlegt, dass sie mich eigentlich an eine Wunderkammer erinnern."

Die Objekte in dieser Wunderkammer stammen aus den 24 weit verstreuten Forschungssammlungen der Humboldt Universität. Felix Sattler muss jetzt zum "Späth-Arboretum" im Baumschulenweg. Eine historische Pflanzensammlung. Er sucht ein passendes "Buchsbaum-Präparat".

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Ich grüße Sie. Ich habe eine große Kiste mitgebracht."

Thomas Janßen, Sammlungsleiter Späth-Aboretum der Humboldt Universität
"Wunderbar. Dann können wir gleich schauen und die Objekte holen."

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Dann können wir gleich loslegen. Sehr gut."

Der Biologe Thomas Janßen hat schon etwas zusammengesucht. Es gibt viele Buchsbaum-Sorten. Sie wachsen praktisch auf der ganzen Welt.

Thomas Janßen, Sammlungsleiter Späth-Aboretum der Humboldt Universität
"So. Das wäre jetzt zum Beispiel ein Buchsbaum der Sorte 'Bulata'."

Die Pflanzen stehen für Vielfalt. Aber was macht sie so besonders?

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Einfach weil es gibt wirklich tolle Präparate. Das hat uns so überzeugt. Und es ist auch ein Forschungsschwerpunkt."

Thomas Janßen, Sammlungsleiter Späth-Aboretums der Humboldt Universität
"Seit den 70er Jahren gibt es eine Kooperation mit Kuba. Das ist ein Diversitätszentrum für Buchsbäume und da gab es viele Kollegen hier im Hause, die sich intensiv damit beschäftigt haben, sogar ihr Lebenswerk den Buchsbäumen gewidmet haben."

Seit fünf Jahren fährt Felix Sattler alle Standorte der Humboldt Universität ab, um seine Wunderkammer zu füllen. Es wird die erste ständige Ausstellung im Tieranatomischen Theater. Bis nächste Woche muss alles sitzen.

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Also wir wollen schon die Schätze der Universität ausstellen in einer großen Überblicksausstellung, weil man in viele der Sammlungen einfach nicht kommt. Das ist etwas, das im Verborgenen ist. Wir haben ansonsten kein Universitätsmuseum."

Die Ausstellung zeigt überraschende Zusammenhänge, die man auf den ersten Blick nicht erkennt. Zum Beispiel was die Angst vor Wölfen mit Romanen zu tun hat, dass lange Zeit Schildkröten in Berlin lebten und was uns Schmetterlingslarven über die Seidenproduktion in Brandenburg erzählen und zugleich über die Fluchtgeschichte der Hugenotten.  

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Die Hugenotten hatten die Kenntnisse für die Seidenproduktion, das haben sie mitgebracht. Und diese Menschen, die aus Frankreich geflohen sind, die hat man das erste Mal mit dem französischen Wort – das gab’s vorher nicht – 'réfugiése' benannt, was dann wenige Monate später auch im englischen Sprachgebrauch als 'refugees' auftaucht."

Mit einer App können die kuriosen Zusammenhänge entdeckt werden. Per Klick werden all die Objekte beleuchtet, die in Verbindung stehen.

Felix Sattler, Kurator der Ausstellung
"Ich kann diese Objekte einzeln ansteuern. Das ist eine Moorleiche eines Rinderkopfs und stammt aus der Zoologischen Lehrsammlung."

Für Felix Sattler ist mit der Ausstellung ein Traum in Erfüllung gegangen. Seine Wunderkammer macht aus einem Ort des Grusels einen Ort des vernetzen Wissens. Nicht nur für Buchsbaum-Fans!

Autor: Tomasz Kurianowicz

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