Die Bar jeder Vernunft (Bild: rbb)
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- Die Geschichte der Bar Jeder Vernunft

Holger Klotzbach ist noch aus einer Generation, die erst Kultur macht, bevor gerechnet und kalkuliert wird. Viel hat er ins Leben gerufen: Das Schwarze Café, die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt.

Holger Klotzbach zu treffen ist gar nicht so einfach. Gerade erst ist er aus Sri Lanka zurück und schaut gleich im TIPI vorbei – der jüngeren, aber größeren Schwester der Bar jeder Vernunft.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Ich bin jetzt 73, ich werd bald 74 aber das mach ich so lange wie es irgendwie geht. Das hält mich auch irgendwie fit merke ich. Wenn ich jetzt nur noch Freizeit hätte und da in Sri Lanka rumhängen würde dann würde ich in drei Jahren vergammelt sein."

In der Berliner Kabarett-Szene kennen ihn alle. Gayle Tufts, Cora Frost, Ursli Pfister sind heute große Namen der Branche. Ihren Erfolg verdanken sie auch ihm. Holger Klotzbach erinnert sich aber noch genau wie klein alles anfing im Sommer 1992.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Das war ein unheimlich heißer Juni, also das war schon verrückt im heißen Juni ein Etablissement aufzumachen. Dann waren wir ganz neu, da hat uns die bügerliche Theaterwelt nicht mit der Kohlenzange angefasst, die dachten, was ist das denn wieder für ein komischer anarchischer Haufen, der da auf dem Parkdeck steht."

Nach der ersten Spielzeit war es dann eigentlich auch schon vorbei mit der Bar jeder Vernunft - zu wenig Zuschauer, kein Geld mehr.

Doch unter den Berliner Künstlern hat sich eine Fangemeinde gebildet - der anarchische Haufen will nicht aufgeben.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Meret Becker sagte, sie macht ne neue Show für uns und dann haben wir gesagt, wenn du das machst, dann machen wir auch wieder auf. Gesagt, getan – im März 1993 haben wir dann wieder eröffnet und es war in der Tat gleich sieben Wochen ausverkauft."

Ab dann geht es bergauf. Shows wie die der Geschwister Pfister machen das Zelt regelmäßig voll und die Bar jeder Vernunft bekannt.

Und wie war das nochmal mit dem Weißen Rößl am Wolfgangsee?

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Das war sozusagen unser Durchbruch auch in den Grunewald rein, wo die Leute, die sich etwas teurere Tickets kaufen können wohnen."

Und nicht nur im Grunewald – das Stück macht die Bar jeder Vernunft über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Von der grandiosen Rückkehr der Operette ist die Rede.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Da hatten die Leute sich nachts einen Schemel mitgebracht zum Sitzen, eine Teekanne, so ab vier Uhr nachts und haben gewartet bis um elf Uhr morgens die Kasse aufmacht, um die Tickets zu kriegen. Und da kamen die Granden der Schaubühne dann mit Tränen der Rührung in die Probe, weil sowas hatten sie schon lang nicht mehr erlebt."

Holger Klotzbach selbst kommt über Umwege zur Kleinkunst. Eigentlich wollte er Lehrer werden. Doch seine linksradikale Einstellung, sagt er, macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Er bekommt Berufsverbot.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Heute bezeichne ich das als Glück meines Lebens, besser hätte es gar nicht kommen können. Wenn ich Lehrer hätte sein können, wäre ich sehr wahrscheinlich auch dabei geblieben und wäre heute ein verbitterter und bisschen angeknackster Schulrat. So hab ich ein viel schöneres Leben gehabt, viel Bunter."

Man merkt es Holger Klotzbach an: ihm geht es um die Kunst und weniger um klingelnde Kassen.

Holger Klotzbach, Mitbegründer "Bar jeder Vernunft"
"Ich hab mich immer als Grüßaugust bezeichnet und nicht als Intendanten, heute läuft jeder Hansl rum in Berlin und sagt er ist Intendant – sowas gabs nicht, sondern wir haben eben gemeinsam was gewuppt und hatten Spaß dran. Und dann haben wir irgendwann auch mal eine Buchhaltung gekriegt, die aufpasste, dass das Geld auch richtig verbucht wird."

Seit mittlerweile 27 Jahren ist das das Erfolgskonzept der Bar jeder Vernunft. Ein bisschen Buchhaltung und viel Raum für Kreativität. So lange das so bleibt, wird es im Zelt auf dem Parkdeck weiter glitzern.

Autorin: Anna Tschöpe

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