Fotograf Gerd Danigel (Bild: rbb)
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- Fotograf Gerd Danigel

Gerd Danigel fotografierte am 09. November 1989 auf der Bornholmer Brücke. Nach der Wende dokumentierte er als freier Fotograf die Veränderungen in Berlin. Heute fotografiert er nicht mehr und verkauft seine Fotos auf dem Flohmarkt.

Der Flohmarkt am Boxhagener Platz. Gerd Danigel baut seinen Stand auf. Was er anbietet, ist sein Lebenswerk: Fotographien aus bald 50 Jahren. Seine Arbeiten und Bildbände werden gerade wiederentdeckt. Auch bei der Mahnwache in der Gethsemanekirche am 7. Oktober 1989 war er dabei.

Gerd Danigel, Fotograf
"Das war ein Moment der wirklich großen Angst, die ich hatte, weil die Gethsemane von draußen von Stasi umstellt war, von Stasi und Volkspolizisten. Und ich hab lange gezögert reinzugehen, weil ich nicht wusste, ob ich wieder rauskomme, bzw. was passiert, wenn ich rauskomme. Ob sie mir dann den Film abnehmen. Ja, man also hat eindeutig gemerkt: Hier ist was im Gange und hier wird bald was passieren, ist nur die Frage wann
."

Mit der Kamera hielt er fest, was passierte. Wie Ost-Berlin sich veränderte. Was gewonnen wurde - und was verloren ging.

Gerd Danigel, Fotograf
"Angefangen hat’s in der DDR damit, dass mir die gesellschaftlichen Umstände, irgendwie so haben die mir nicht gefallen. Und die wollte ich kritisieren und alles das fotografieren, was die offiziellen Staatsmedien eben nicht gebracht haben."

Momentaufnahmen: Feierlaune bei der NVA. Oder Menschen, die aus der Norm fallen. Schwarzweiß fotografierter, melancholischer Realismus. Wie anders ist die neue, bunte Gegenwart!  

Heute lebt Gerd Danigel vom Verkauf seiner Fotos. Für ihn zeigen sie, wie das Heute die Vergangenheit verdrängt. Nicht nur Berliner interessieren sich für diese Bilder, spüren in ihnen einem Lebensgefühl nach. Und manche auch der eigenen Geschichte.

Flohmarkt-Besucher
"Den Osten kenn ich halt nur von ab und zu mal, wenn ich aus dem Westen mal `rüber bin für einen Tag, mit einem Tagesvisum. Aber so im Detail wie in den Bildern hier hab ich’s noch nicht gesehen."

Flohmarkt-Besucherin
"Ja eben so wie das war, als ich da gewohnt hab‘.  Ich bin dann aber nach dem Mauerfall weggezogen und war dann zehn Jahre nicht mehr in Berlin und hab’s nicht mehr wiedererkannt."

Auf Gerd Danigels Fotos sieht man, wie in der Leere, auf den Brachen der Stadt, neue Fülle und Vielfalt entsteht. Aber auch neue Unübersichtlichkeit.  Er selbst vermisst vor allem das Miteinander der Menschen.

Gerd Danigel, Fotograf
"Man hat mehr auf den Mitmenschen geachtet, man irgendwie doch mehr zusammengelebt. Und das hat sich sehr sehr zum Nachteil entwickelt. Dass der Egoismus immer größer wird, die Brutalität auch."

Brutal und unüberwindbar ist 28 Jahre lang die Mauer.

Am Abend, als sie schließlich unerwartet aufgeht, steht auch Gerd Danigel auf der Bornholmer Brücke. Mit gemischten Gefühlen.

Gerd Danigel, Fotograf
"Ja, da kommt viel Spannendes, Schönes, Freiheit auch natürlich. Aber auch ein Durchkämpfen. Ich kann’s nur so sagen: Ich kam mir vor wie ein Tier im Zoo und plötzlich wird das Gitter aufgemacht: Jetzt musst du raus in die Wildnis und da musste dich bewähren. Hier war sie dann schon offen. Aber man wusste nicht, wie handeln die jetzt. Schießen sie oder schießen sie nicht?

Wie es ausging ist bekannt.

Gerd Danigel hat mittlerweile aufgegeben zu fotografieren, heute knipst jeder, sagt er. Seine Arbeit ist erledigt.

Autor: Andreas Lueg

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