Statue der Victoria im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums (Bild: rbb)
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- Durch das Deutsche Historische Museum

Präsident Raphael Gross bringt frischen Wind in das Deutsche Historische Museum. Er plant großes für die Dauerausstellung und zeigt, was ihm in seinem Haus wichtig ist und wohin die Zeitreise geht.

Groß, imposant, manchmal einschüchternd – wer auch immer gerade den vermeintlichen Siegerkranz in der deutschen Geschichte trug – überlebensgroße Darstellungen der eigenen Potenz gehörten stets dazu. Das Deutsche Historische Museum ist im ehemaligen Zeughaus, Preußens Waffenlager, untergebracht – Museumspräsident Raphael Gross will uns im Innenhof die sogenannten Schlütermasken zeigen – eines von vielen Sinnbildern für den Wandel der Zeit.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Diese Masken, die zeigen sterbende Krieger und dies nicht etwa, um Mitleid mit ihnen zu haben, sondern als ein Ideal. Man geht so selbstverständlich daran vorbei, ohne eigentlich zu merken, wo man sich befindet. Und wogegen man hier vielleicht auch eine Ausstellung konzipiert. "

800.000 Besucher pro Jahr kommen ins Deutsche Historische Museum. Wie soll man Geschichte präsentieren, deutsche zumal - mit all ihren Brüchen und Abgründen? Wenn der Schweizer Raphael Gross über Sinn und Zweck der Museumsarbeit spricht fällt immer wieder ein Begriff: Die historische Urteilskraft – die er stärken will.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Geschichte hat ja sehr viel damit zu tun, dass Menschen sich sehr unterschiedlich erinnern und sich sehr unterschiedlich das, was mal war erinnern. Und dass es da so etwas wie ein Korrektiv gibt, dass die Historiker Quellen nennen, oder man kann auch sagen Fakten. Und im Moment haben wir vielleicht gerade das Gefühl, dass wir insgesamt in eine Zeit hineingeraten, wo da eher weniger von dieser Unterscheidungskraft da ist."

1.500 Jahre deutscher Geschichte, fast 8.000 Exponate zeigt das Deutsche Historische Museum. Von der Ritterrüstung bis zum Rock vom Alten Fritz, von der Aufklärung bis hin zum Kinderspielzeug mit Diktator an der Wand. Raphael Gross führt uns zur "Grüninger Hand" – eine mittelalterliche Armprothese, vermutlich für einen wohlhabenden Ritter hergestellt.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Wir sind ja im ehemaligen Zeughaus auch untergebracht und haben  eine große Sammlung von Waffen. Insofern ist die Frage der Gewalt und der Ausübung von Gewalt sehr zentral für unser Haus und für das, was wir zeigen können. Meistens männliche Gewalt. Es ist eben eine Prothese, das heißt, wir zeigen hier in gewisser Weise auch Medizingeschichte."

Überhaupt – Prothesen… In der deutschen Geschichte gab es leider immer wieder Bedarf. "Waterloo-Zähne" von 1815 – ein Gebiss aus Zähnen gefallener Soldaten…

Es ist vor allem die Dauerausstellung, die Raphael Gross bald mit seinem Team (von Grund auf) erneuern möchte. Manche Themen sind zurzeit noch verschwindend klein dargestellt. Der Kolonialismus zum Beispiel, oder in dieser kleinen Vitrine: der ganze Antisemitismus des 19. Jahrhundert.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Ich habe ganz praktisch die Frage: wie geht man mit diesen Themen heute um? Und da sieht man, wenn man heute auch sieht, welche Bedeutung Antisemitismus ja auch leider bis in die Gegenwart hinein hat, dass man doch denkt, dass man dem doch wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenken müsste."

Raphael Gross will die Brüche in der deutschen Geschichte stärker markieren – manch einer sieht zwölf Jahre Nationalsozialismus ja nur noch als Vogelschiss an. Und dreißig Jahre nach dem Mauerfall wird es auch langsam Zeit für eine Fortsetzung.  

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Die Dauerausstellung hört eigentlich mit dem Fall der Mauer und dem Abzug der Alliierten auf. Und 2019 würden wir ja doch sagen: hmm, die Geschichte hat ja nicht einfach mit diesem Happy End ganz aufgehört."

Und was ist die Geschichte von morgen? Auf dem Weg zum Dreh haben wir ein paar Aufkleber vom Ökoprotest am Großen Stern mitgenommen. Klimastreik, Shoppen ist kein Hobby – bald ein Thema fürs Museum?

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums
"Gerade solche kleinen Interventionen sind natürlich spannend und... wie wählt man aus? Was tut man in eine Sammlung? Was bewahrt man auf? Ich, der ich die Waldsterben-Diskussion noch sehr genau in Erinnerung habe, ich habe hier natürlich auch ein gewisses Déjà-vu."

In die Vergangenheit blicken, die Gegenwart besser verstehen. Ein Besuch im Deutschen Historischen Museum stärkt so oder so die Urteilskraft.

Autor: Steffen Prell

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