Historische Fotografie der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
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Bild: rbb

- Die Geschichte der Gedächtniskirche

Die Gedächtniskirche hat schon auf den ersten Blick viel zu erzählen. Die Konzertkirche wurde 1943 schwer beschädigt. Seit 1963 erinnert sie als besonderes Ensemble aus Ruine und modernen Gebäuden an die Leiden der beiden Weltkriege. 

Die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche an einem Vormittag, kurz nach der Andacht. Hier arbeitet Martin Germer. Obwohl er Berliner ist, kannte er die Kirche kaum, bevor er hier vor 15 Jahren als Pfarrer anfing. Seitdem ist er zum Experten für ihre wechselvolle Geschichte geworden. Sein Arbeitsplatz beeindruckt ihn jeden Tag wieder.

Martin Germer, Pfarrer Gedächtniskirche
"Das ist der Platz, wo ich während des Gottesdienstes sitze das ist das Privileg des Pfarrers und da habe ich einen wunderbaren Blick auf diesen Teil der Glaswand. Ich liebe diese Kirche, weil ich dieses leuchtende blau mit diesen anderen Farben drin immer wieder faszinierend finde und weil diese Kirche mir ihrer ganz besonderen Bedeutung als Ort des Erinnerns an die Schrecken des Krieges und als Symbol für Frieden und Versöhnung für mich ungeheuer wichtig ist."

Ihr Turm ist der höchste der Stadt: 113 Meter ragt er über Charlottenburg, als die Gedächtniskirche 1895 eröffnet wird. In der Gedenkhalle der Turmruine zeigt uns Martin Germer die Ausstellung zur Geschichte ‚seiner‘ Kirche.

Martin Germer, Pfarrer
"Sie war eben gebaut zum einen als Hauptkirche für den neuen Berliner Westen, was zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf und Berlin neu entstand und sie war ein Denkmal für Kaiser Wilhelm den Ersten, der Krieg 1917/18 die Einigkeit Deutschlands hergestellt hat und nach damaliger Auffassung Frieden, was ja dann nur zwanzig Jahre gehalten hat, bevor dann der zweite Weltkrieg begann."

In den zwanziger Jahren ist Berlin eine moderne Großstadt. Den Kaiser gibt es nicht mehr. Und die Gedächtniskirche spielt kaum noch eine Rolle – eigentlich stört sie den Verkehr, ihr Abriss wird diskutiert.

Martin Germer, Pfarrer
"Man muss sich wirklich vorstellen, dass direkt um die Kirche herum so ein Kreisverkehr ging, wo alles Hauptverkehrsstraßen des Berliner Westens so einmündeten es war tatsächlich lebensgefährlich die Straße zu überqueren um überhaupt die Kirche zu erreichen und das hatte dann zur Folge, dass es dann mal auf eine Befragung hieß, naja wir haben Vormittags zwei Besucher und Nachmittags drei Besucher, tagsüber war dann hier nicht viel los."

Im November 1943 wird der Westen von Berlin von Bomben schwer getroffen – auch die Gedächtniskirche. Der Hauptturm wird zum großen Teil zerstört. Martin Germer kennt die Diskussion von damals über Wiederaufbau oder Abriss.

Martin Germer, Pfarrer
"Und man hatte damals auch unter Architekten und Stadtplanern wenig Bezug zu dieser wilhelminischen historistischen Architektur, das war etwas, wo man sagte, das kann weg."

Aber die Turmruine bleibt. Egon Eiermann, einer der wichtigsten Architekten im Nachkriegsdeutschland gewinnt den Wettbewerb.

Abendschau 3.12.1958

"Das Projekt von Prof. Eiermann behält den alten Turm bei. Ja, aber vielleicht darf ich einmal Baumeister spielen Herr Pfarrer, schauen sie mal jetzt ist die Turmruine weg und der Platz sieht gut aus."

"Das finde ich schon nicht mehr."

"Schön, respektieren wir ihren Wunsch, setzen wir die alte Turmruine wieder an den Platz, den sie im Augenblick noch haben soll."

Martin Germer will die Gedächtniskirche als Mahnmal für den Frieden noch sichtbarer machen. Gerade nach dem Terroranschlag am 19. Dezember 2016 gleich nebenan auf dem Breitscheidplatz:

Martin Germer, Pfarrer
"Das beschäftigt mich auch weiterhin. Ich merke auch, dass ich das ein bisschen in mir trage auch die Erschütterung davon aber daraus hat sich zum Beispiel ergeben, dass wir seitdem ganz engen Kontakt zu einer Berliner Moscheegemeinde pflegen und das wir im interreligiösen Verhältnis wesentlich aktiver geworden sind, als wir das vorher waren."

Hier Pfarrer zu sein, sagt Martin Germer, darüber freut er sich jeden Tag.

Autorin: Bettina Lehnert

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