Die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche strahlt innen in blauem Licht. (Bild: rbb)
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- Ein magischer Raum aus blauem Licht

Im Turm und in den beiden Wänden der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche sind insgesamt 22.570 einzelne Glasfelder eingebaut. Zu wenigen Anlässen dürfen Besucher in die Zwischenräume der Doppelwandkonstruktion, ein magischer Raum aus blauem Licht.

Melanie Bensalah, Kirchenführerin
"Wir haben also heute das besondere Vorhaben, an einen Ort zu gehen, der sonst immer für die Öffentlichkeit verschlossen ist. Wir machen heute eine Geheimgang-Führung und die steht im Zeichen des blauen Lichts."

Melanie Bensalah führt die Besucher in eine Welt, die blau leuchtet wie ein fremder Planet.

Besucher
"So ein Blau, in den Farben, habe ich noch nicht gesehen. Ein Glück sind da noch ein bisschen hellere Farben eingearbeitet - so wie Gelb und Orange - ansonsten wäre das ein bisschen zu deprimierend."

Wir stehen zwischen zwei Wänden aus blauen Glasbausteinen. Die Luftschicht in diesem Gang schützt die Kirche vor dem Lärm der Großstadt.

Melanie Bensalah, Kirchenführerin
"Alle unsere modernen Gebäude haben in der Summe 22.750 so kleine Fensterchen. Und dann versuchen Sie mal bitte, sich vorzustellen, dass jeder kleinste Partikel von Hand in Chartres hergestellt worden ist."

Jedes Fenster ist einzigartig, jedes ein abstraktes Kunstwerk des Glasmeisters Gabriel Loire aus dem französischen Chartres.

Melanie Bensalah, Kirchenführerin
"Ganz bewusst gibt es diese dicken Schlieren, so Kratzer und Abplatzungen, damit sich das Licht noch interessanter bricht, wenn die Sonne darauf fällt, und innen in der Kirche eine ganz besondere Lichtatmosphäre entsteht."

Seit drei Jahren führt die Kunsthistorikerin durch die Gedächtniskirche. Das blaue Licht fasziniert sie noch immer.

Melanie Bensalah, Kirchenführerin
"Für mich ist es wirklich zauberhaft. Wenn man sich jetzt die Fenster aussucht, die aus dem Licht so aufblinken - für mich hat das was von einem Sternenhimmel, so was Magisches."

Aber dieser Zauber ist in Gefahr. Vor 60 Jahren wurden die Glasbausteine in Betonteile eingesetzt. In ihrem Inneren stecken Eisenstangen, die schon lange rosten. Ein gefährlicher Prozess, den Steffen Obermann - Architekt und Denkmalpfleger – seit Jahren beobachtet. Sein Sorgenkind ist der Glockenturm.

Steffen Obermann, Architekt
"Das Gerüst steht jetzt seit 2014 - immerhin seit fünf Jahren und es steht eigentlich nur dazu da, um die Passanten zu schützen, weil hier Betonteile drohen, vom Turm herunterzufallen."

Durch den Rost vergrößert sich das Eisen. Rundherum platzen große und kleine Betonstücke ab. Das Gerüst fängt sie auf.

Steffen Obermann, Architekt
"Das ist jetzt ein typisches Stück Beton aus der Betonwabe, das abgesprengt worden ist durch die korrodierenden Bewehrungseisen."

Besonders schlimm sind die Schäden oben am Turm. Hier sind viele kleine Luken eingebaut, damit der Klang der Glocken nach außen gelangt. Eine Fehlkonstruktion aus den 50er Jahren.

Steffen Obermann, Architekt
"Damals wusste man über den Beton nicht so gut Bescheid. Dieses Eisen hier liegt zu dicht an der Oberfläche und fängt dadurch an zu rosten. Das würde man so heute nicht mehr bauen."

Zum Glück sitzen die meisten der blauen Fenster noch fest in ihrer Fassung. Sie bringen das Innere des Glockenturms zum Leuchten. Einem aber hat die Farbe überhaupt nicht gefallen - dem Architekten Egon Eiermann.

Steffen Obermann, Architekt
"Man sagt ihm nach, dass er verlangt hat, dass alle Gläser wieder rauskommen. Das sei ihm viel zu dunkel. Das sei eine mystische Kirche, das sei nicht die helle, fröhliche, protestantische, klare Kirche, die er sich vorgestellt hat. Er war sehr unglücklich mit dem Ergebnis."

Über 20.000 Glasbausteine wieder ausbauen und ersetzen? Das ist zum Glück nicht passiert. Und längst ist das blaue Licht zum Markenzeichen der Gedächtniskirche geworden.

Autorin: Anne Kohlick

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