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Di 22.10.2019 - "Der Krieg und die Grammatik" in Hamburg

Bisher kaum bekannte Tondokumente aus der Kolonialzeit sind Schwerpunkt einer Sonderausstellung im Museum am Rothenbaum.

Das Museum präsentiert Sprachaufnahmen afrikanischer Insassen deutscher Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg, die für die Ausstellung erstmals übersetzt wurden. Sie stammen nach Angaben des Museums von Linguisten, die die Zwangssituation der Gefangenen für ihre Forschung genutzt hätten. Die "Königlich Preußische Phonographische Kommission" habe zwischen 1915 und 1918 etwa 2.000 solcher Mitschnitte in 30 deutschen Lagern produziert - vorwiegend mit afrikanischen und asiatischen Gefangenen.

"Die Ausstellung leistet einen weiteren Beitrag zum Thema koloniales Erbe in Deutschland", sagte Museumsdirektorin Barbara Plankensteiner. "Die Aufnahmen erzählen, wie Menschen im vermeintlich neutralen Wissenschaftsbetrieb ihrer Stimme und ihrer komplexen Biografie beraubt wurden."

Weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist die schriftliche Erzählung von Mohamed Nur, einem jungen Intellektuellen aus Somalia, der während des Ersten Weltkriegs in Ruhleben bei Berlin interniert war. Er sei maßgeblich an der Erarbeitung einer Grammatik des Somali beteiligt gewesen, so das Museum. In den Beispielsätzen der Lautlehre seien biografische Details, die Beweggründe seiner Migration und die Stationen seiner Reise zu lesen. Die Schau dauert bis zum 12. Januar 2020.