Oleksandra Bienert; © Privat
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"Das Ukrainische Berlin" - Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Bienert über ukrainische Orte in Berlin

Sechs Millionen Menschen sind laut Schätzungen bisher aus der Ukraine geflohen. In Deutschland haben sich bis jetzt 600.000 ukrainische Flüchtlinge registriert. In Berlin gab es schon vor dem russischen Angriffskrieg eine große ukrainische Community. Die ukrainische Forscherin und Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Bienert hat eine Karte - "Das Ukrainische Berlin" - erstellt, über die Jürgen Buch mit ihr spricht.

40 Orte sind es etwa, die in der Karte verzeichnet sind. Das sind ja exemplarische Orte. Gab es für Sie Überraschungen, als Sie diese Karte erstellt haben?

Oleksandra Bienert: Ehrlich gesagt ja. Überraschend war für mich Folgendes ... Mein Gedanke war: "Wir werden auf der Karte physische Orte verzeichnen“. Physische Orte, die mit dem ukrainischen Leben zu tun haben. Und man sieht es auf der Karte ganz deutlich: Es gibt viel mehr historische Orte als ukrainische Orte im Berlin von heute.

Natürlich weiß ich das, aber für mich war es Wahnsinn zu verstehen: okay, hier gab es schon so vieles. Hier gab es das Ukrainische Wissenschaftliche Institut 1926. Hier gab es Verlage, hier gab es Zentren und heute habe ich fast schon geweint. Tatsächlich hatte ich eine Handvoll von physischen Orten. Eine griechisch-katholische Kirche, eine ukrainisch-orthodoxe Kirche, eine Bar. Zum Glück haben wir jetzt eine ukrainische Bar nach dem Euromaidan seit 2018 und noch ein paar andere Orte. Aber das war es dann auch. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht, aber gleichzeitig war das schön zu sehen. Wir haben hier auch Spuren hinterlassen und wir sind ja da. Wir können ja alles aufbauen.

Wenn Sie sagen, dass Sie so viele historische Orte - ukrainische Orte - in Berlin entdeckt haben, könnte man denn sagen, dass Berlin ein besonderer Magnet war für ukrainisches Exil, ukrainische Diaspora? Oder sind da andere Orte auf der Welt eher wichtig?

Oleksandra Bienert: Das ist tatsächlich nicht so einfach. Also Berlin ist nach Polen die erste große Stadt gewesen. Es sind Menschen geflohen, die aus der ukrainischen Intelligenz stammten. Das heißt, wir haben jetzt hier die 20er Jahre, wir haben 1918, wir haben Bürgerkriege, also den russischen Bürgerkrieg 1917, der auch in der Ukraine war. Wir haben aber auch jüdische Menschen, die ins Exil gehen müssen, weil sie da Pogrome erfahren haben. Es gab ganz viele Pogrome, 1.500 Pogrome auf dem Territorium der heutigen Ukraine.

Viele blieben hier, viele blieben hier aber auch nicht so lange und gingen zum Beispiel weiter nach Paris oder auch an andere Orte. Aber das war schon ein Ort von politischem Exil zum Beispiel. Man hat ja versucht, damals den unabhängigen Staat zu etablieren in der Ukraine. Die Botschaft der Ukraine befand sich gegenüber dem heutigen Hauptbahnhof.

Ein sehr bekannter Name ist da auch Joseph Roth. Da könnte man erstaunt sein, dass er es in "Das Ukrainische Berlin" geschafft hat. Wie kommt das?

Oleksandra Bienert: Ja, in der Tat haben wir lange überlegt: "Wer sind für uns Menschen, die wir zur ukrainischen Geschichte in Berlin dazuzählen?“ Und für mich ist es ganz klar so, dass auf dem Territorium der heutigen Ukraine - und da betrachte ich die Ukraine aus der heutigen Zeit - unterschiedliche Menschen gelebt haben. Und sie hatten auch unterschiedliche Einflüsse. Das waren nicht alle Ukrainer, aber für mich gehören sie ganz klar zu diesem Mosaik der ukrainischen Geschichte. Joseph Roth war natürlich kein Ukrainer, das ist ein jüdischstämmiger Journalist gewesen aus Brody. Hier kennt man ihn natürlich. Für mich war es in der Tat sehr wichtig, diese Menschen mit aufzunehmen.

Mindestens ein Ort auf der Karte des ukrainischen Berlins ist sehr direkt mit Ihnen verbunden, nämlich der Ukrainische Kinoclub in der Brotfabrik am Caligari Platz. Den gibt es schon seit geraumer Zeit, wenn ich mich nicht irre seit 2009, und die ukrainische Filmlandschaft sagt vielleicht ja auch etwas aus über die Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft in den letzten Jahren. Ist das so?

Oleksandra Bienert: Ja, tatsächlich. Als ich 2009 mit dem Ukrainischen Kinoclub angefangen hatte, haben mich meine Freunde in Kiew erst mal gefragt: "Was zeigst du denn da eigentlich?“ Und insbesondere kam mir die Entwicklung nach dem Euromaidan zugute, wo einige Regisseur:innen, auch Frauen wie zum Beispiel Irina Celik oder andere, die Kamera in die Hand genommen haben und einfach gedreht haben. Ihre Filme unterscheiden sich tatsächlich von dem, was wir kennen. Sie machen Filme über die Realität des Krieges.

Der Krieg läuft ja schon seit 2014. Sie machen Filme über den Alltag. Sie machen Filme über junge Fußballspielerinnen, die gerne Fußball spielen würden, aber sich tatsächlich entscheiden müssen, ob sie nun für ihre Familie da sind, wo die Mama stirbt. Oder doch ihren Traum verwirklichen können. Da gibt es einen ganz schönen Film. Es sind sehr lebendige Filme. Es geht tatsächlich um das Leben in diesen Filmen. Und die Landschaft ist in der Tat nach 2014 sehr gewachsen und auch viel diverser geworden. Wir haben auch die Filme von jungen krimtatarischen Regisseuren.

Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Interview können Sie als Audio hören.

Mit Oleksandra Bienert sprach Jürgen Buch von rbbKultur.

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