Nachricht von Yevgenia © imago-images/ Müller-Stauffenberg
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Nachricht von Yevgenia

Seit dem 24. Februar führt Russland in der Ukraine einen brutalen Krieg. Bombenalarm in der Hauptstadt Kyjiw, Menschen schlafen in Schutzkellern oder U-Bahnstationen, haben Angst. Wie ist die Lage?

Die Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets lebt in Kyjiw und sendet jeden Tag eine Nachricht an rbbKultur, in der sie davon erzählt, wie sie den Krieg erlebt.

Kyjiw im Krieg – Schnee auf Barrikaden; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Butscha. Trauer in Kyjiw

Gestern noch sah Kyjiw lebendig aus. Ich hörte sogar Lachen am Abend in den Straßen. Es war Samstag und die ersten Nachrichten aus Butscha, Irpin und der Umgebung von Kyjiw kamen erst später. Alle Kyjiwer wussten, dass dort etwas los ist. Immer wieder kamen Flüchtlinge aus diesen Gegenden – schweigsam, traurig sah man sie auf den Straßen. (...) Und jetzt sollen gerade die Menschen, die seit 2014 am meisten gelitten haben, wieder Gewalt erleiden. Aber dieses Mal geht es um etwas, das wir uns alle nicht vorstellen konnten.

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Kyjiw im Krieg – Ausgabe in der Freiwilligen-Zentrale; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Hoffnung

Eine Nacht in Kyjiw, mitten im Krieg. (...) Auch heute stand Kyjiw unter Beschuss. (...) Eine junge Studentin, Anastasia, Pädagogik-Studentin, leistete seit Beginn des Krieges ehrenamtliche Arbeit. Und heute wurde sie auf dem Weg nach Tschernihiw einfach brutal umgebracht. Sie war im zweiten Studienjahr. (...) Ich dachte sehr lange an diese Studentin und konnte nicht glauben, dass es sie nicht mehr gibt. Die Nacht geht weiter. Ich hoffe, sie wird für die Kyjiwer doch ruhig verlaufen und meine Hoffnung bleibt - trotz allem.

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Kreschatikstraße mit dem Stadtrat von Kyjiw; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Severodonetsk

Aus den Nachrichten erfahre ich, dass Sjewjerodonezk in Oblast Luhansk in der Ukraine sehr intensiv beschossen wird. Es ist eine besondere Stadt, die sehr viele Binnenflüchtlinge aus den anderen Städten im Donbass aufgenommen hat. Es gab dort Hotels und unabhängige Kunstzentren. (...) Es war eine Stadt, die nach dem Krieg 2014 ein zweites Leben bekommen hat. Die Menschen (...) erreichten Sjewjerodonezk mit der Hoffnung, dass es ihr zu Hause bleiben wird. (...) Und jetzt müssen sie entweder weiterfliehen oder … Ich weiß nicht: Was ist dieses "oder"?

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Nachricht von Yevgenia © imago-images/ Müller-Stauffenberg
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Nachricht von Yevgenia - Gespräch mit Yevgenia

Gestern kam aus dem russischen Verteidigungsministerium die Nachricht: Die Angriffe in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und der Stadt Tschernihiw sollen deutlich zurückgefahren werden. Und zwar um das Vertrauen zwischen russischen und ukrainischen Unterhändlern zu stärken, die gerade in Istanbul miteinander sprechen. Normalerweise senden wir an dieser Stelle eine Nachricht der ukrainischen Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets aus Kyjiw. Heute sprechen wir mit ihr, wie sie die vergangene Nacht in der ukrainischen Hauptstadt erlebt hat.

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Mit Sandsäcken geschützte Denkmäler am Historischen Museum in Kyjiw; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: "Informations-mangel"

Seit dem frühen Morgen steht Kyjiw heute unter Beschuss. Man hört Explosionen. Unterschiedliche Berichte kommen aus weiten Bezirken der Stadt: Man hört von Kämpfen und Beschüssen – anscheinend gibt es eine direkte Gefahr. Aber es ist sehr schwer zu verstehen, was und wo genau etwas passiert. Die Nachrichtenkanäle versuchen darüber gar nicht zu sprechen, nichts Genaues zu sagen. Über das Wesentliche wird einen Tag, zwei Tage später berichtet. Man darf dem Feind keine genauen Informationen geben. Gleichzeitig bekommen auch die Kyjiwer keine genauen Informationen.

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Katia, Biologin, die Kyjiw geblieben ist; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Der Terror soll aufhören

Ein Abend in Kiew. Elf Uhr nachts. Luftalarm hinter meinem Fenster. Ich höre Explosionen. Es ist sehr schrecklich. (...) Der Terror dauert an in der Ukraine. Es gibt Anschläge auf Luzk. Das Leben läuft seltsamerweise weiter, aber man kann sich eigentlich gar nicht an diesen Terror gewöhnen. Vielleicht anderswo. Vielleicht sind die Menschen in Deutschland schon an diese Nachrichten aus der Ukraine gewöhnt. Vielleicht sehen sie es als eine Krise, die andauert, als etwas, das weiterläuft. Aber hier in der Ukraine ist es eine unerträgliche Tragödie (...).

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Rauch am Himmel über Kiew © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Glauben

Es ist ein trüber, dunkler Tag. Gestern war es ein wenig warm und heute ist es plötzlich kalt und der Himmel ganz grau. (...) Alle sagen "Vierundzwanzigster" - und ich verstehe: Es ist genau ein Monat seit Beginn des Krieges vergangen. (...) Ich denke, am 24. Februar konnte niemand wirklich glauben, dass der Krieg so lange dauern kann, so unerträglich war jede Minute, war jede Stunde und in den ersten Tagen dauerte jede Stunde unendlich lange. Man hatte aber einen sehr starken Glauben, dass das alles bald zu Ende sein würde.

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Kyjiw im Krieg – Lockdown; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Nach dem Lockdown

Die vorige Nacht in Kyjiw verging mit sehr großer Spannung und für viele mit sehr wenig Schlaf. Kyjiw war ständig unter Attacke, unter Raketenbeschuss. (...) Jemand schrieb in den Kommentaren: es sind Phosphor-Beschüsse. Und trotzdem war es heute sehr warm. (...) Man spürte den Sommer in der Luft und ich sah sehr viele Menschen spazieren gehen, einige sah ich joggen - sogar zu der Zeit, als es schon Luftalarm gab. Aber die Menschen wollten das nicht wissen. (...) Endlich konnten sie nach einem langen Lockdown raus. Geschäfte öffneten ihre Türen und versuchen etwas zu tun für die Menschen in Kyjiw. Sie versuchen da zu sein, eine friedliche Normalität darzustellen.

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Kyjiw im Krieg: Mann liest Nachrichten am Smartphone © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Lockdown 2

Ein langer Lockdown in Kyjiw. Sehr viele Menschen verbringen die Zeit in ihren Wohnungen. Noch mehr Menschen versuchen in den Schutzbunker zu schlafen, um Schutz zu bekommen, um zu denken, dass ihnen wenigstens in dieser Nacht nichts drohen wird. Heute wurde Kyjiw wieder beschossen. (...) Zuerst kamen gar keine Nachrichten - dann, einige Stunden später, wurde klar, dass wieder ein Bezirk mit Wohnhäusern getroffen wurde. (...) Jetzt versuche ich meinen Tagebucheintrag zu schreiben. Ich finde aber keine Worte. (...) Es ist immer noch sehr schwer, sich vorzustellen, dass dieser Krieg möglich ist.

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Kyjiw im Krieg: Aleksey (18) mit dem Welpen Namens Dreik; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Die eigene Wohnung

Manchmal sieht die eigene Wohnung wie ein Labyrinth aus, durch das man wandert und nach einem Ort sucht, wo man sich schützen oder sich geschützt fühlen kann. Oft ist es ein Korridor und einige schlafen in den Korridoren ihrer Wohnungen. Es gibt eine Regel der zwei Wände: Wenn man zwischen diesen zwei Wänden schläft, gibt es eine Sicherheit oder wenigstens die Hoffnung, dass man eine Raketenattacke überleben kann. Manchmal sehe und spüre ich selbst, dass ich an bestimmten Orten in meiner Wohnung keine Ruhe mehr finde und nach einem einem sicheren Ort suche.

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Kyjiw im Krieg – Himmel; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Himmel

Heute Abend ging ich nach einem Treffen mit einem alten Freund (...) nach Hause zurück. Und dann sah ich plötzlich, wie sich die rötliche Dämmerung verfärbte - in Violett und Grau. Ich habe selbst gesehen, wie ein Wohnbezirk von Kyjiw von getroffen wurde – von einer Rakete anscheinend. Es gab keinen Luftalarm in diesem Moment. Es bedeutet, dass niemand in der Stadt wusste, dass die Beschüsse überhaupt möglich sind. (...) Zu Hause erfahre ich, dass ein Bezirk in Kyjiw betroffen war - Häuser, dass Menschen ums Leben gekommen sind. Dass Menschen verletzt wurden - ohne Warnung, ohne Vorwarnung. Alle waren zu Hause.

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Nachricht von Yevgenia | Beschossenes Hochaus in Kyjiw © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: "Lockdown"

Ein langer Lockdown in Kyjiw. Heute darf man nicht rausgehen, es sei denn es gibt einen Luftalarm und dann kann man in den Schutzbunker gehen (...) Heute war ich sehr kurz auf der Straße. Es war der Weg aus dem Haus meiner Eltern zu meiner Wohnung, und ich habe bemerkt, wie seltsam die Stadt wirkt. Sie ist absolut leer und man hört, wie die Vögel sich bewegen, wie der Wind mit einer Tüte spielt und jede kleinste Bewegung wird zur Gefahr, wird bedrohlich.

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Kiew im Krieg – der Morgen nach den Schüssen; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Der Morgen nach den Schüssen

Ich bin sehr spät schlafen gegangen, um zwei oder halb drei Uhr nachts und kurz vor fünf bin ich aufgewacht, weil mein Haus zitterte, Fenster zitterten. Ich spürte eine riesige Unruhe und hörte zwei laute Explosionen. Ich ging in den Flur, wo die Wände dichter sind. Und setzte mich auf den Boden mit meinem Computer. Ich versuchte, die Gedanken zu sammeln, ich dachte, das einzige, was ich jetzt kann, ist etwas aufzuschreiben und aufzuschreiben, wie man sich fühlt in diesem Moment. Ich trank etwas Wasser und beruhigte mich nach einiger Zeit, als ich verstand, dass keine weiteren Explosionen kommen. Ich ging ins Zimmer und versuchte noch ein wenig zu schlafen. Als der Morgen kam, wollte ich unbedingt ausgehen ...

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Straße in Kiew während des Krieges; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: "Das Haus"

Heute Abend ist hier so leer, dass wenn man fremde Schritte hört, man denkt, jemand ist sehr nahe, obwohl diese Person weit weg auf der Straße sein mag. Man fühlt sich mit jemandem zusammen wie in einem gemeinsamen leeren Wohnzimmer. Es ist ein komischer Tag, verträumt, sehr schön. Der Abend kommt und man spürt den Frühling.
Gleichzeitig denkt man darüber nach, dass genau heute hier wieder sehr brutal attackiert wurde. Ein Wohnblock wurde getroffen, 70 Menschen evakuiert, 10 Menschen verletzt, eine Person ist ums Leben gekommen. Es war so eine Morgenstunde, eine Zeit, wo viele gedacht haben, sie sind sicher in ihren Häusern. Aber anscheinend kann man nicht mehr sicher sein im eigenen Haus. (...) Trotzdem, in diesem schönen Moment möchte ich die Hoffnung bewahren und ich erwarte, dass dieser Albtraum endet.

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Straße in Kiew während des Krieges; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: "Die Straße"

Heute traf ich einen jungen Mann, der zu seinem Geburtstag entschieden hat, wieder in einem Café zu arbeiten. Dieses Café war bisher während des Krieges geschlossen, aber ab heute ist es wieder geöffnet und versucht, die Menschen mit unterschiedlichen Sorten Kaffee zu versorgen. Es gibt da aber kein Essen. Die Straße ist so leer, dass man das Telefongespräch hört, das ein entfernt vorbeigehender Mensch führt. Ich hörte es so klar, als ob es irgendwo in meiner unmittelbaren Nähe stattfindet. Ich denke daran, wie unglaublich wichtig es ist, diese Stadt nicht zu verlieren, dieses Leben nicht zu verlieren. Die Möglichkeiten, die Welten, die hier entstanden waren, nicht zu verlieren. Diese Stadt zu behüten und nicht zu erlauben, dass sie von einem Krieg zerstört wird, dass sie von einer Besatzung zerstört wird.

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Kiew im Krieg – Der Balletttänzer; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: "Der Balletttänzer"

Heute führte ich ein spontanes Gespräch auf der Straße mit einem Mitglied der Territorialverteidigung von Kiew. Es war ein älterer Mann, der mit einem Gewehr auf dem zentralen Kiewer Platz Majdan Nesaleschnosti Wache hielt. Seine Haltung wirkte besonders anmutig. Er wollte nicht sagen, was er im beruflichen Leben vor dem Krieg machte. Es passe gar nicht zu diesem Moment, meinte er. Ich habe ihn aber immer wieder gefragt. Dann erzählte er bescheiden, dass er ein Balletttänzer war. Mehr als 20 Jahre lang tanzte er in der Kyjiwer Oper. Dann lebte er als Rentner. Als junger Mann war er in der Armee und hat etwas Erfahrung. Und jetzt kämpft er in der Territorialverteidigung von Petschersk, einem der zentralen Kyjiwer Bezirke.

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Kiew im Krieg; © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Luftalarm in der Nacht

04:40 Uhr am Morgen. Mich weckt ein Luftalarm. Man muss sich in den Schutzbunker begeben. Man muss sich verstecken. Aber ich habe dafür keine Kraft und bleibe in meiner Wohnung. Ich weiß, dass sehr viele alte Menschen in meiner Straße jetzt das Gleiche machen. Sie warten einfach in ihren Häusern, in ihren Wohnungen und hoffen, dass ihnen nichts passieren wird.

Gestern hat Kyjiw auf eine merkwürdige Weise den 8. März gefeiert. Leere Straßen, Schlangen vor den Apotheken. Wenige Fußgänger:innen, sehr oft ältere Damen. Ich habe in vielen Händen eine Rose oder andere Blumen gesehen. [...]

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Eine ukrainische Familie flieht unter Beschuss aus Irpin © picture alliance/ AA/ Wolfgang Schwan
picture alliance/ AA/ Wolfgang Schwan

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia – Gewinnen

Später erfahre ich, dass friedliche Demonstrationen in den besetzten Städten mit Gewehren zerschossen wurden. Dass Menschen bei friedlichen Demonstrationen verwundet wurden – in Nowa Nachkowka, einer Kleinstadt, wo ich mehrmals war, um an meinem Projekt über Queer-Familien in der Ukraine zu arbeiten. Mich hat in den letzten Tagen fasziniert, dass sogar in einer besetzten Stadt die Menschen ohne Gewehre auf die Straße gehen - einfach mit Plakaten, mit ihren Ideen, und diese gegenüber den Panzern aussprechen, gegenüber den besetzten Administrationen der Städte. So auch in der kleinen Stadt Konotop. Dort haben Frauen die Männer auf den riesigen Panzern verflucht und gesagt: "Wir sind Hexen aus Konotop! Wir werden euch so verfluchen, dass ihr nie mehr normal leben werdet!" Eine kleine Magie des Alltags gegen den echten Krieg.

Und jetzt erfahre ich, dass Menschen und Krankenhäuser schrecklich beschossen werden. Am Abend habe ich erfahren, dass meine enge Freundin während der Evakuierung aus Irpin, der Kleinstadt neben Kyjiw gesehen hat, wie Frauen und Kinder direkt beschossen wurden bei dem Versuch, sich zu retten, beim Versuch, in Busse zu steigen.

Meine ganze Begeisterung für diesen Tag war plötzlich weg. Jetzt sitze ich in meiner dunklen Küche mit verdunkelten Fenstern und denke, dass wir internationale Unterstützung brauchen. Heute brauchen wir einen starken Widerstand - viel mehr als früher, einen viel stärkeren Widerstand.

Und trotz dieser Traurigkeit und auch Verbitterung, glaube ich doch an das Leben. Daran, dass man sogar über diese unmenschliche und böse Kraft bald gewinnen wird.

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Eine Katze in der umkämpften ukrainischen Hauptstadt Kiew © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Rettung

Ein seltsamer Tag. Keinen Zugang zu meinen Gefühlen mehr. Es scheint, als hätte ich viel erlebt heute. Aber alles wird fragmentiert und die Erlebnisse bleiben unzugänglich. Vielleicht werden die Gedanken morgen klarer. Über die Opfer kann ich nicht mehr nachdenken. Ich denke eigentlich über die Rettung nach ...

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Brand in einem Fakultätsgebäude der Universität Charkiw nach einem russischen Raketenangriff, Foto vom ukrainischen Katastrophenschutz © Emergency Service Of Ukraine
PA Media

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Nebel (02)

Charkiw. Die Stadt im Feuer neben uns. Friedliche Menschen unter unglaublichen, unerträglichen und unvorstellbaren Gefahren. Gefangen in einer Stadt, die sie sogar jetzt kaum verlassen können. Heute habe ich mit meinen Bekannten aus dem Osten der Ukraine gesprochen (...) und habe erfahren, dass sie versuchen, die Menschen aus Charkiw rauszukriegen. Sie haben eine Rettungskette organisiert: Die Familie setzt sich in ein Auto und fährt zu der bestimmten Station. Dort steigt sie in ein anderes Auto um. Und so geht es weiter - bis zur ukrainischen Grenze. (...) Kyjiw liegt im Nebel. (...) Ich denke an alle, die gerade kämpfen um diese Zeit. Die versuchen, andere zu retten. Anderen zu helfen.

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Kiew, 02.03.2022, vier Menschen mit Wasserflaschen laufen die Straße entlang © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Nebel (01)

Ich erinnere mich an eine Familie, die ich heute sah. In einer Schlange auf der Straße. Alle Mitglieder tragen etwas Wasser mit – jeder vielleicht fünf Liter? Sie gehen vorsichtig in einer Reihe – einer nach dem anderen. Und zusammen, wenn man das ganze Wasser zusammenbringt, ist es vielleicht genug für sie alle und es wird für einige Zeit reichen.

Ich denke an sehr viele, die heute in solchen Ketten miteinander durch dieses Land gehen und versuchen, etwas zu retten. Und ich möchte, dass die ganze Welt es jetzt auch tut. Man muss diese Gewalt stoppen.

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Kiew, 01.03.2022; ältere Frau läuft alleine durch die Straße © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Morgen im Krieg

Ich sehe immer wieder ältere Frauen, die alleine durch die Straßen laufen. Sie sind ein Symbol dieses Krieges, eine langsame Veränderung der Stadt, wo allein zu sein bedeutet, in Gefahr zu sein. Man sieht die einsamen Frauen auf der Straße und hat den Wunsch, sie in Schutz zu nehmen.

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Kiew am Abend 28.02.2022 © Yevgenia Belorusets
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Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Spaziergang in Kyjiw

Heute am Abend ging ich mit meiner Mutter spazieren. Es dämmerte und ich bemerkte schnell: Wir sind allein auf den Straßen. Meine Mutter zählte die leuchtenden Fenster der Häuser, um sich zu überzeugen, dass die Menschen hier immer noch bleiben, dass wir nicht allein sind. Ich war vertieft in meine Gedanken über die Leere der Straßen und das Gefühl, dass die Stadt sich neu kennenlernt, dass diese Umstände für meine Stadt für unvorstellbar gehalten wurden.

Plötzlich bemerkte meine Mutter, wie schön diese Landschaft ist. Sie zwang mich, ein Foto zu machen, weil ich diese Schönheit nicht akzeptieren und nicht genießen konnte. Aber jetzt ist dieses Bild mir etwas wert. Es ist ein Abend in Kyjiw, eine Mischung aus Schaudern und Hoffnung, ein Weg.

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Blick auf de eine Straße in Kiew am 26.02., Menschen stehen vor einer Apotheke Schlange © Yevgenia Belorusets
Yevgenia Belorusets

Nachricht von Yevgenia - Nachricht von Yevgenia: Wo ich einmal war

Die Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets sendet jeden Tag per Handy eine Nachricht aus Kyjiw an rbbKultur: Samstag, 26. Febraur 2022, die letzten hellen Stunden vor einer Sperrzeit, die bis zum heutigen Morgen dauerte. Kein Kiewer sollte bis 8 Uhr morgens am Montag sein Haus oder den Schutzbunker verlassen. Die Straßen sind leer, aber man sieht eine Schlange vor der Apotheke. Wie alle Läden sind die Apotheken oft nur einige Stunden am Tag geöffnet oder bleiben geschlossen. Ich habe sehr auf diesen Morgen gewartet und hoffte, dass die Sperrstunde zu Ende geht. Aber ich erfahre aus den Kyjiwer Nachrichten, dass die Straßenkämpfe andauern. Es ist immer noch gefährlich die Wohnungen zu verlassen.

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