Claudio Abbado mit dem Lucerne Festival Orchestra; © imago-images
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Claudio Abbado - Ein Darling, aber nicht zum Anfassen

Claudio Abbados Nahbarkeit lag begründet in Zurückhaltung und Dezenz. Er war der schüchternste und darin attraktivste Dirigent von allen. So entwickelte er eine enorme Sog- und Schubkraft weltweit, gepaart mit unerhörter Produktivität nicht nur in Berlin.

Claudio Abbado stammte aus Mailand, war über Wien und London nach Berlin gelangt. Hier begründete seine 12-jährige Ära bei den Berliner Philharmonikern ein neues Bild des Dirigenten. Vorbei die Zeiten weihevoller Autorität. Abbado sprach wenig, teilte den Ruhm dafür gern mit befreundeten Solisten wie Maurizio Pollini, Martha Argerich oder Gil Shaham.

Er erhöhte die Zahl der Proben in Berlin und verjüngte das Orchester wie keiner vor oder nach ihm. Nicht zuletzt war er ein ingeniöser Live-Dirigent. Am Abend konnte er ein Orchester ungeahnt "abheben" lassen. Vom Trott bloßer Einübung war da nichts zu spüren. Deswegen verbinden fast alle seiner Hörer in der Berliner Philharmonie großartige emotionale Erlebnisse und Erinnerungen mit ihm.

Repertoire ohne Grenzen

Der CD-Ausstoß Abbados war enorm, seine Vernetzung im Klassik-Betrieb umfassend. Diskographische Höhepunkte gelangen ihm bei Mahler, Beethoven, Haydn, Rossini und einigen Verdi-Opern. Wer wissen will, was Abbado kann, höre eine Mahler-Symphonie mit den Berliner Philharmonikern, seine Rossini-Ouvertüren oder eine der Gesamtaufnahmen von "Il Viaggio a Reims".

Eigentlich kannte sein Repertoire keine Grenzen. Er war ein Universalist, allerdings voller Vorlieben und Steckenpferde (für Mendelssohn, Mussorgsky, Nono und etliche Nebenwerke von Schubert, Schumann etc.). Anerkennung gebührt ihm für die Gründung zahlreicher Jugend- und Kammerorchester (darunter das Chamber Orchestra of Europe, Mahler Chamber Orchestra und das Orchestra Mozart). Durch Abbado erst wurde die Jugendarbeit heutiger Orchester denkbar.

"Claudio Abbado"; © Cordula Groth
Bild: Cordula Groth

Unverwechselbarer Stil

Sein Stil war unverwechselbar, denn er "schlug auf Luft", wenn er dirigierte. Der Schlag federte zurück. Sein Klang geriet offener – und nicht so militant aufpoliert wie bei seinen Vorgängern. Die neun Symphonien Mahlers gehören erst seit ihm zum absoluten Kernrepertoire fast jedes Dirigenten. Er hat ihn weicher dirigiert und weniger sentimental als Leonard Bernstein (der einer seiner Lehrer war). Seine Fangemeinde war weltweit – und organisierte sich im Fanclub der "Abbadiani".

Claudio Abbado war der erste Lässige in einer aufgesteiften, durch ihn sinnlicher gewordenen Klassik-Welt. Unsere Serie von Kai Luehrs-Kaiser ist eine Folge von 26 konsequenten Liebeserklärungen.