Jim Rakete, Fotograf; © Kathrin Kutter
Kathrin Kutter
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Sein Doku-Film "Now" über Klima-Aktivist*innen - Jim Rakete - Chronist des echten Lebens

Der berühmte Fotograf Jim Rakete geht neue Wege. Er ist gerade 70 geworden und hat einen ersten Film gedreht. "Now" heißt seine Dokumentation über die "Fridays for Future"-Bewegung, die nach dem Lockdown in die Kinos kommen soll. Es ist zwar der erste Film von Jim Rakete, aber ganz und gar nicht seine erste Auseinandersetzung mit politischem Engagement und unserer Gesellschaft.

Vor vier Jahren hat er Frauen und Männer mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen fotografiert. Er hat Politiker wie Helmut Schmidt und Martin Schulz mit der Kamera begleitet.

Bei Jim Rakete muss man aber auch immer an seine eindringlichen Porträts von Stars wie Natalie Portman, Quentin Tarantino oder Sean Connery denken. Nicht zu vergessen seine epochale Rolle als Musikmanager, in der er Bands wie Spliff oder Die Ärzte auf die Bühne brachte. Frank Meyer im Gespräch mit Jim Rakete.

rbbKultur: Herr Rakete, Sie waren in den 90er Jahren viel in den USA, haben dort auch gelebt. War da eigentlich schon etwas zu sehen von diesem so gespaltenen, so verfeindeten, in sich so aggressiven Land, wie wir es in den letzten Jahren erlebt haben?

Rakete: Da war sehr zu spüren, dass Amerika unter diesen Kriegen ächzte, dass die Amerikaner sehr große Schwierigkeiten hatten. Die Spaltung des Landes hatte da eigentlich ein bisschen ihren Ursprung.

rbbKultur: Sie wünschen sich, dass die Beziehungen zwischen den USA und Europa wieder enger werden. Warum eigentlich? Nach all den Jahren, die wir jetzt hinter uns haben, sehen wir, wie das US-amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu einem Präsidenten wie Trump führt. Da könnte man auch sagen, wir sollten vielleicht lieber mehr Abstand halten?

Rakete: Das wäre, glaube ich, ganz falsch. Aus dem Abstand heraus ist man ein schlechter Partner. Ich glaube schon, dass es sehr wichtig ist, dass wir gerade die Sachen betonen, die uns zusammen gut gelungen sind. Das ist nicht einfach nur das transatlantische Bündnis, sondern da gibt es auch viele kulturelle Geschichten, die uns alle sehr stark beeinflusst haben.

Ich bin ein Zeuge dieser Generation, weil meine Eltern beide noch für den RIAS gearbeitet haben. Ich bin also sehr vertraut mit den ganzen Instrumenten, die es da gab. Ob es der Künstleraustausch war oder AFN (Anm. d. Red.: American Forces Network) - ich finde, das hat eine großartige Tradition zwischen unseren Ländern.

Und wenn wir jetzt eine Phase erlebt haben, die - sagen wir mal - etwas abschüssiger bis tragisch gelaufen ist, umso mehr sollten wir wieder da sein und dem richtigen Präsidenten die richtige Hand geben.

rbbKultur: Was hat Sie damals in die USA hingezogen? Was haben Sie dort gemacht?

Rakete: Das war eine sehr abenteuerhafte Zeit, wir haben dort sehr viele Produktionen gemacht für Plattencover, Musikclips, Videos und auch für Modefoto-Sessions. Das geht wunderbar in Los Angeles, weil man die Wüste zwei Stunden vor der Tür hat. Das Meer ist in einer Stunde erreicht. Man hat im Grunde genommen alle neutralen canvasses, die man braucht, um jemanden abzubilden. In der Leere der Wüste oder im leeren Horizont eines Strandes sehen große Leute halt noch größer aus - und Leute, die nicht so bedeutend aussehen, sehen dann vielleicht nach gar nichts aus. (lacht) Es ist auf jeden Fall wie ein leeres Stück Papier.

rbbKultur: Haben Sie jetzt auf eine gewisse Weise daran angeknüpft, als Sie den Dokumentarfilm "Now" gedreht haben? In dem geht es inhaltlich zwar um etwas völlig anderes, aber gab es da handwerklich eine Beziehung zurück in die 90er Jahre?

Rakete: Nein, es gab eine Erlebnisspur, die dahin reichte. Ich war immer völlig fasziniert davon, dass in Kalifornien, einem sehr fortschrittlichen Bundesstaat der Vereinigten Staaten, ganz früh Versuche begonnen haben, mit Wind- und Solarkraft alternative Energien zu gewinnen. Bei Palm Springs gab es, glaube ich, den größten Windpark der Welt. Da fuhr man immer durch ein Meer von Windmühlen. Das hat mich sehr fasziniert, weil die Amerikaner komischerweise an genau der Stelle, wo sie ihren ganz großen Anfangsfehler gemacht haben, in der Ölproduktion, auch angefangen haben, diesen zu korrigieren.

Als ich vor ungefähr zweieinhalb Jahren die Chance hatte, einen alternativen Commercial zu drehen für einen Hybrid, war das natürlich ein gefundenes Fressen, um noch einmal hinzufahren und genau diese Motive wieder wach zu rütteln.

rbbKultur: Der Dokumentarfilm, dessen ganzer Titel "Now - if you fail we will never forgive you! A Film for Climate Justice by Jim Rakete" lautet, sollte im Herbst starten. Ein neuer Versuch soll am 11. März erfolgen. Es ist vor allem ein Film über die jungen Klima- und Umweltaktivist*innen, die so viel in Bewegung gebracht haben. Es ist aber auch ein Film für Klimagerechtigkeit. Sehen Sie sich als Regisseur des Films auch als eine Art Aktivist?

Rakete: Nein, aber natürlich kann ich nicht verhehlen, dass mir das sehr nahe geht. Ich kann auch nicht verhehlen, dass ich auf diesem Wege, in meinem langen Leben, auch mehrmals meine Richtung ändern musste. Für uns ist es tatsächlich ein weiter Weg gewesen.

Wir hatten die Klimakrise - die sogenannte Ölkrise - Anfang der 70er. Da haben wir eigentlich schon sehr genau Bescheid gewusst, worum es geht. Wenn man sich heute anguckt, dass wir auf eine Autolandschaft blicken, in der der Flottenverbrauch, also der Verbrauch im Durchschnitt pro Auto aller Hersteller in Deutschland, höher liegt als damals. Wir verbrauchen heute fast einen Liter mehr. Das ist erschreckend.

Am erschreckendsten fand ich, dass wir in den letzten Jahren doch auch sehr stark eingelullt waren von diesen ganzen technischen Angaben. Ich bin teilweise auch reingefallen auf diese Lügen. Plötzlich waren alle Kraftwerke so sauber, die Filteranlagen so toll und der Katalysator funktionierte so gut, dass man das größere Problem dahinter eigentlich gar nicht wahrnehmen wollte.

rbbKultur: Ich habe Sie natürlich auch als Porträtfotograf kennengelernt. Die meisten werden Sie von Ihren beeindruckenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen prominenter Menschen kennen. Wie hat das eigentlich angefangen?

Rakete: Meine ersten Schritte waren, ganz simpel gesagt, in Richtung Tageszeitung. Ich machte irrsinnig viele Fotos für Tageszeitungen und habe schon da in meiner Arbeitshaltung deutlich gemacht, dass ich ein Großfeuer nicht so schön fotografieren kann wie zum Beispiel einen Blues-Gitarristen, der gerade aus Atlanta angereist kommt.

Je mehr ich in die kulturelle Richtung ging und vom Rockstar bis zum Schriftsteller bis zum Filmregisseur Leute fotografierte, umso leichter fiel es, mich in diese Richtung einzusetzen. Alles andere kann man zwar irgendwie, aber ich habe davon kein Herzklopfen gekriegt.

Bei der Geschichte mit den Musikern hatte ich das. Ich hatte plötzlich mit Musikern zu tun, die ich Jahre vorher auf der Schule schon irrsinnig bewundert hatte. Plötzlich saß ich backstage mit denen im Sportpalast und habe einen Kaffee getrunken. Dass das ging, fand ich unglaublich.

rbbKultur: Wie bereiten Sie sich auf ein Porträt vor? Können Sie uns das an einem Beispiel schildern?

Rakete: Ich habe ganz viel darüber gelernt, als es schon zu spät war. (lacht)

In Amerika habe ich eine ganze Reihe von Jobs für Vanity Fair gemacht. In dem Moment, wo man etwas zugesagt hat, kam ein 20-Meter-Fax, wo draufstand, wer der Mensch ist, den man fotografiert, was der schon gemacht hat und wo er herkommt. Das habe ich alles gelesen und versucht zu vergessen in dem Moment, wo ich ihm begegnet bin. Es ist gut, wenn man es weiß, aber es hilft einem dann eigentlich nicht. Ein Mensch drückt das nicht die ganze Zeit aus.

Woher diese Tradition bei Vanity Fair kommt, kann ich ziemlich genau erklären. Ich glaube, das kommt von Annie Leibovitz. Sie hat sich immer geradezu akribisch auf alles vorbereitet, wollte immer alles wissen – bis hin zur Lieblingsteesorte - über den, der jetzt gleich zur Tür reinkommt.

Mir geht das gar nicht so. Ich glaube, dass der unverfälschteste Eindruck ganz oft der erste ist. Auf jeden Fall ist es der, den wir nicht löschen können. Und deshalb ist er wichtig. Weil wir da sehr viel mehr wissen als Monate später.

rbbKultur: Sie haben auch gesagt, ein gutes Foto ist eines, das eine Geschichte erzählt und eine Haltung hat. Man muss vor allem etwas zu sagen haben. Wenn Sie jetzt ein Porträt von einem Menschen machen, was ist es, was Sie da zu sagen haben? Ist es das, was Sie im ersten Moment wahrnehmen?

Rakete: Ein Fotograf sollte für seine Bilder Verantwortung übernehmen. Damit meine ich, dass die Kamera einem Gesicht auch standhalten muss. Man muss eine Augenhöhe finden. Und da, wo das nicht möglich ist, entstehen auch keine guten Fotos. Wenn man ständig nur in die Knie geht und sagt: "Donnerwetter, was für ein toller Typ!", macht man keine gute Arbeit. Das gilt umgekehrt genauso. Wenn ich jemanden unglaublich ablehne, würde ich auch nicht unbedingt die besten Bilder von ihm machen. Das habe ich mit der Verantwortung gemeint.

Das Problem ist nur, dass wir jetzt in ein Zeitalter der Fotografie reingerutscht sind, wo das Foto selbst immer stärker zum Rohstoff wird und wo alle an den Bildern rumschrauben, bis sie eigentlich mit dem ursprünglichen Moment gar nichts mehr zu tun haben.

Das heißt, wenn ich heute sage, ich übernehme Verantwortung, dann ist das ein bisschen lächerlich, weil die meisten Sachen im Nachhinein noch mal höflicher oder unhöflicher gemacht werden.

rbbKultur: Sie haben Musikerinnen und Schauspieler fotografiert. Steckt dahinter auch Ihre Faszination für Filme und Musik?

Rakete: Jetzt kann ich es ja sagen. Der Drops ist gelutscht! (lacht)

Wenn man Menschen fotografiert, von denen alle schon glauben, ein Bild zu haben, dann hat man die Chance, von demjenigen ein neues Bild zu machen. Wenn man von vornherein losgeht und sich auf Leute stürzt, zu denen es diesen Maßstab des anderen Bildes nicht gibt, dann gibt es auch kein Bild zu stürmen. Das heißt mit anderen Worten: Der Wettbewerb ist eigentlich, ob man nicht vielleicht noch ein gültigeres Bild von jemandem machen könnte.

rbbKultur: Und den Wettbewerb haben Sie immer gebraucht?

Rakete: Den braucht jeder Fotograf. In der Modefotografie war es die 90er Jahre über so, dass zum Beispiel eine ganz neue Klasse von Models alle Fotografen definierte. Peter Lindbergh hat diese Models mal in einer Fotosession zusammengefasst, und von dem Moment an haben sich die Top Twenty-Fotografen auf der ganzen Welt auf diese zehn Mädchen gestürzt und versucht, sie noch besser zu fotografieren. Was natürlich nicht ging - die sehen immer gut aus, die sind unkaputtbar gut.

Das, was Peter ihnen mit seiner Art zu fotografieren ermöglicht hatte, war, dass sie einen Charakter hatten, dass sie Abgründe hatten, dass sie Schatten hatten. Das konnten die anderen nicht so gut darstellen.

rbbKultur: Was meinten Sie vorhin mit "der Drops ist gelutscht"?

Rakete: Weil man so etwas nicht zu früh sagen darf. Wenn ich das am Anfang gesagt hätte, dann hätte es eine falsche Richtung vorgegeben. Wenn ich es vorweg gesagt hätte, dann hätte ich im Grunde eine andere Art von Prominenz angestrebt.

Ich habe aber ganz viele Leute fotografiert, die überhaupt noch nicht bekannt waren, als ich sie fotografierte. Und das ist, glaube ich, der springende Punkt: dass man auf Leute setzt, die etwas bewegen in der Hoffnung, dass daraus etwas wird - und der Rest sind dann halt die Aufträge. Aber Du bekommst nicht den Auftrag, einen vollkommen unbekannten, erfolglosen Musiker im Tunnel zu fotografieren. Das interessiert keinen, den Auftrag musst Du Dir selbst geben.

rbbKultur: Sie hatten vor ein paar Jahren mit - wie Sie selbst gesagt haben - der "besten Band der Welt" zu tun, den Berliner Philharmonikern. Sie haben alle 128 "Bandmitglieder" für eine Ausstellung und ein Buch fotografiert. Ist das dann so eine Art Fließbandarbeit?

Rakete: Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein. Wir hatten uns ein kleines Drehbuch gegeben und haben gesagt, wir wollen dabei auch sehen, welche Beziehung die einzelnen Musiker*innen zu ihren Instrumenten haben. Es war eine Ausstellung, die mit einem Jubiläum bei den Philharmonikern zu tun hatte. Es war eine echte Begegnung mit diesen Musikern, die ich sehr verehre.

Der allergrößte Schock für mich war, als mir einer von den Musikern erzählte, dass er mal eine Rockband hatte und auch mal bei mir in der Fabrik war und mir etwas vorspielen wollte. Er hätte dann aber nicht den Mut gefunden weiterzumachen und sei in die Klassik "abgerutscht". Ich fragte: Bist Du denn völlig verrückt? Ich finde, Klassik ist das Allergrößte! Wie kommt denn das? Er sagte: Nein, das ist etwas anderes. In der Rockmusik braucht man halt ein Standvermögen und eine Kondition, die er nicht aufbringen konnte. Das habe ich dann wieder verstanden, weil ich das auch kenne.

Ich weiß auch, wie Musik schlaucht. Das merkt auch das Publikum. Das, was das Publikum nicht weiß, ist, dass es nur die Hälfte kriegt. Das Doppelte bekommt der auf der Bühne - nicht an Geld, sondern an Zuwendung.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ungekürzte Gespräch hören Sie im Audio.

Der Podcast für die Seele

Am liebsten GUT
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Dieser Podcast hilft Dir, "am liebsten GUT" zu antworten, wenn Dich jemand fragt: "Wie geht es Dir?" Das Corona-Jahr war für viele Menschen kräftezehrend. In dem Podcast sprechen Frauen und Männer ganz offen über ihre Erfahrungen und Gefühle wie Liebe, Angst, Erschöpfung, Sehnsucht. Karoline Schuch findet heraus, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen und was wir tun können, damit wir in dieser anstrengenden Zeit auch seelisch gesund bleiben. Und eines wird dabei klar: Über Gefühle reden hilft!

Am liebsten GUT – der rbb-Podcast für die Seele ist ein "akustisches Antidepressivum" in dieser schwierigen und erschöpfenden Zeit.

Musikliste 24.01.2021 19:04 Das Gespräch

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