Das Gibson Girl © Matthias Schirmer
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Seltsame Markennamen und ihre Geschichte - Cohns blauer Dunst - Berliner Cigaretten-Geschichten

Was genau ist eine Tabakschneiderei? Wer war Markus Reich? Und warum ließ er sich ausgerechnet den Markennamen "Kleiner Cohn" patentieren? Wie kommt es, dass die Adressbücher Berlins um 1900 nicht eine Handvoll, sondern etwa tausend Cigaretten-Fabriken auflisten, damals noch fein mit "C" geschrieben? Berliner Cigaretten-Geschichten, gesammelt und erzählt von Matthias Schirmer.

Eines Tages hat Matthias Schirmer drei alte Dinge auf dem Schreibtisch liegen, jedes über hundert Jahre alt. Eine Blechschachtel, eine Pappschachtel und ein Stück Papier. Die alten Artefakte suchen eine Berliner Heimatanschrift. Und rasch ist er damit einem längst vergessenen Phänomen auf der Spur. Am zweitgrößten Produktionsstandort für Glimmstengel im Kaiserreich nimmt er die Fährte auf. Er sucht hinter Toreinfahrten, auf Hinterhöfen und Straßenkreuzungen nach dem Geschmack des Orients. Buchstäblich am Ufer der Spree stößt er auf seltsame Markennamen und ihre Geschichte.

Auf seinem Weg durch das Scheunenviertel flackert eine vergessene Start-Up-Szene der Gründerzeit auf. Juden, die aus bitterarmen Verhältnissen in Galizien nach Preußen fliehen. Glaubensflüchtlinge, die hier mit sehr wenig Geld, ein paar Beziehungen und ziemlich viel Chuzpe richtig durchstarten. Jacob Mandelbaum gehört zu den bekannten. Seine Fabrik "Manoli" macht mit revolutionären Werbe-Ideen ordentlich Kasse. Josef Garbátys Pankower Fabrikgebäude steht noch heute.

Wir werden Zeugen eines erbitterten Wirtschaftskriegs um Marktanteile und Monopole. In Revue-Theatern macht der blaue Dunst die Berliner kirre. Cigarren rauchende Damen verstören die Herrenwelt. Das legendäre "Gibson-Girl" und "Fräulein Feldgrau" verdrehen ihnen den Kopf und blasen flirtend ihre Ringe in die Luft. Wir begegnen spendablen jüdischen Mäzenen, die der Berliner Vorort-Jugend ein Schwimmbad bauen wollen. Am Ende wird das Zigarettengeld in Führerbilder investiert.

Eine Episode der Berliner Industriegeschichte, die mit dem Ersten Weltkrieg aufblüht und unter den Nazis ihr Ende findet. Die Gräber der Zigaretten-Millionäre Mandelbaum und Garbaty träumen auf den jüdischen Friedhöfen Berlins. Das von Markus Reich, dem Erfinder vom "Kleinen Cohn" und der "Sakuska" ist verschollen. Lässt es sich noch finden?

Literatur-Tipps

Rainer Immensack: Jacob "Manoli“ Mandelbaum
Zigarettenfabrikant - Designpionier - Kaisertreu
86 Seiten, Broschur, 32 Abbildungen
Verlag Hentrich & Hentrich, 2018
ISBN: 978-3-95565-287-6

Hubert W Klostermeier: Geschichte der Zigarettenindustrie in Deutschland 1862-1945
2 Bände, zahlreiche Abbildungen
1140 Seiten Hardcover
Eigenverlag Hubert Klostermeier, Wasserburg am Inn, 2019
ISBN 978-3-00-062701-9

Petra Woidt: Pankow und die Königin von Saba: eine Firmen- und Familiengeschichte
Hrsg.: Bezirksamt Pankow von Berlin, Abt. Jugend und Bildung / Kulturamt, Panke Museum, 63 Seiten
Panke-Museum, Berlin, 1997

Dirk Schindelbeck, Stefan Knopf, Christoph Alten, Sandra Schürmann, Gerulf Hirt: Zigaretten-Fronten
Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs
176 Seiten, 96 Abbildungen, Maße: 21 x 27,7 cm, Gebunden, Deutsch
Verlag: Jonas Verlag 2014
ISBN-10: 3894454962
ISBN-13: 9783894454968

Dirk Schindelbeck, Stefan Knopf, Christoph Alten, Sandra Schürmann, Gerulf Hirt: Die Welt in einer Zigarettenschachtel
Transnationale Horizonte eines deutschen Produkts
192 Seiten, mit farbigen Abbildungen, Maße: 21,5 x 27,7 cm, Gebunden,
Verlag: Jonas Verlag 2017
ISBN-10: 3894455284
ISBN-13: 9783894455286

Dirk Schindelbeck, Stefan Knopf, Christoph Alten, Sandra Schürmann, Gerulf Hirt:
Als die Zigarette giftig wurde
Ein Risiko-Produkt im Widerstreit
192 Seiten, mit farbigen Abbildungen, Maße: 21,5 x 27,7 cm, Gebunden, Deutsch
Verlag: Jonas Verlag 2017
ISBN-10: 3894455292
ISBN-13: 9783894455293