Gott mit Gendersternchen vor dem Auge der Vorsehung, Saint-Pierre-aux-Liens, La Giettaz (© dpa/Pascal Deloche; Montage: rbbKultur
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GOTT* mit Genderstern – echt jetzt? - Gott* ist großartig

Es klingt wie die Spitzennummer aus dem Genderschreibweisen-Kabarett: Man möge doch bitte "Gott" künftig mit Genderstern am Wortende schreiben, fordert die Katholische Studierende Jugend in einer neuen Kampagne. So vermeide man, beim Wort Gott an einen alten Mann mit weißem Rauschebart zu denken, und sei stattdessen offen für die wahre Weite, die mit dem Wort Gott bezeichnet werde. Ist da die Suche nach einer besseren, gerechteren Sprache völlig aus dem Ruder gelaufen oder steckt mehr dahinter? Kirsten Dietrich jedenfalls war überrascht – von ihrer eigenen Reaktion.

Gott mit Genderstern – echt jetzt? Meine erste Reaktion war ungläubiges Lachen, so im Sinne von: Also, das geht jetzt wirklich zu weit. Man kann ja vieles gendern, aber Gott? Der zählt doch höchstens die unzählbaren Sterne am Himmelszelt und braucht nicht selber eins – der. Naja.

Vielleicht könnte er ja doch eines der von ihm gezählten Sternchen für sich selbst brauchen – zumindest grammatikalisch geht es bei Gott ja doch offenbar recht männlich zu. Deswegen habe ich mir nach dem ersten ungläubigen Gelächter noch mal genauer die Website der Kampagne zu Gott mit Genderstern angeschaut. Und es ist mir selber ein bisschen peinlich, aber: das sieht – toll aus! Finde ich.

Prinzipiell gut
"Gott" in weißen Großbuchstaben auf einem dunkelblauen Nachthimmel mit vielen kleinen Sternen, und einem großen – rund, weiß und fünfstrahlig direkt auf Höhe des Querbalkens rechts vom letzten "T". Gott mit Stern vor dem Symbol der Unendlichkeit – dem bestirnten Himmel – wie schon Kant sagte in einem Teil seiner Gedanken, die man auch heute ohne kritische Rückfragen an sein Menschenbild lesen kann.

Das erfüllt vielleicht nicht das Gemüt mit Ehrfurcht, aber es stößt tatsächlich das Nachdenken an: Darüber, dass dieses kleine Wort "Gott" wirklich etwas Größeres umfassen könnte, als menschliche Handhabe so daraus gemacht hat. Spätestens an dieser Stelle sollte ich wohl zwei Dinge über mich offenlegen. Erstens: Ich habe mal Theologie studiert und bin zwar keine leidenschaftliche Christin, aber finde, man kann sich durchaus mit Gott beschäftigen, ohne gleich jeden Anspruch auf geistige Gesundheit aufzugeben. Und zweitens: Ich finde Gendersterne prinzipiell gut. Sprache formt, wie wir die Welt sehen, und wenn es Möglichkeiten gibt, diese Weltwahrnehmung offener zu gestalten, dann sollte man die ausprobieren, finde ich.

Neue Spuren
Also: Ich bin prinzipiell geneigt, Gott und Genderstern als Dinge zu akzeptieren, über die sich nachzudenken lohnt. Wem das nicht so geht – tja, für den oder die sind diese Überlegungen wahrscheinlich nichts, tut mir leid. Für alle anderen würde ich gerne darauf hinweisen, dass die Sache mit dem Gottesnamen nicht mal in der Bibel eindeutig geklärt ist. Klar, da stehen Buchstaben, die sich als J-H-W-H lesen lassen. Aber ausgesprochen wird das von jüdischen Gläubigen nicht. Die Tradition hat dafür eine elegante Lösung gefunden: Über und neben die Konsonanten des Gottesnamens werden die Vokale einer Anrufung im Gebet geschrieben – Adonaj – oder die des neutralen HaSchem, das heißt: der Name. Gendersternchen auf hebräisch sozusagen.

Beides gleichzeitig, die Konsonanten des Namens und die Vokale der Hilfskonstruktion, sprechen nur ignorante Christen und Christinnen aus – aber zum daraus entstehenden "Jehova" haben die Satiriker von Monty Python alles Nötige gesagt. Viele Juden und Jüdinnen heute formen das nach: Sie reden von Gott ohne "o", also: G-tt. Das lässt sich genauso wenig aussprechen wie Gott mit Genderstern – aber auch das Stolpern kann ja den Geist auf neue Spuren bringen.

Wem das alles zu ausgefallen ist, wer aber auch die Automatikeinstellung "männlich" beim Wort Gott vermeiden will: Es gibt ja auch immer noch Dr. Murke aus der gleichnamigen Geschichte von Heinrich Böll – Gott als "jenes höhere Wesen, das wir verehren". Ehrlich gesagt: Gott mit Genderstern ist kürzer und sieht besser aus.

Kirsten Dietrich, rbbKultur

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