Arktisches Meereis dramatisch geschrumpft © Helfried Weyer/dpa
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Zweitkleinste Ausdehnung seit Aufzeichnungsbeginn - Arktisches Meereis schrumpft dramatisch

Nirgendwo zeigt sich der Klimawandel so stark wie in der Arktis. Ein Indikator dafür ist das Meereis, das jetzt im September seinen jährlichen Tiefststand erreicht, bevor es im Herbst wieder anwächst. Die Fläche des arktischen Eises hat sich seit 1979, als mit seiner Beobachtung begonnen wurde, um mehr als 50 Prozent verringert. In diesem Jahr ist sie ganz besonders stark geschrumpft, auf die zweitkleinste Ausdehnung, die je beobachtet wurde.
 
Woran das liegt und welche Konsequenzen diese Entwicklung für das Klima auf der ganzen Welt hat, darüber spricht Ev Schmidt mit Prof. Dr. Christian Haas, Leiter der Sektion Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

rbbKultur: Die Eisfläche in der Arktis ist in diesem Jahr extrem stark geschrumpft. Was bedeutet "extrem stark" überhaupt?

Haas: Die Meereisbedeckung wird schon seit mehr als 40 Jahren von Satelliten systematisch beobachtet, weswegen das auch so ein wertvoller Parameter ist - einer der am besten untersuchten Klimaparameter, die wir haben. Und wie wir über die Zeit sehen, befindet sich das Eis im Sommer im starken Rückzug. Deswegen ist dieses Jahr die zweitniedrigste Eisausdehnung in 40 Jahren beobachtet worden. Das ist der besorgniserregende Teil. Dass wir sehen, dass sich der abnehmende Trend der Eisbedeckung manifestiert und dass es weiter keine Erholung gibt, sondern der Eisrückgang ungebremst weiter vorangeht.

rbbKultur. Sie erforschen das arktische Meereis schon sehr lange. Unter anderem waren Sie im letzten Winter für mehrere Monate an Bord des Forschungsschiffes "Polarstern". Was lässt sich nun alles ablesen?

Haas: Eine ganz wichtige Frage ist, warum sich das Eis im Winter nicht so stark verändert, im Sommer aber umso stärker. Um die Frage zu beantworten, müssen wir auch im Winter unsere Beobachtungen machen, was normalerweise sehr schwer ist. Dieses Jahr war das aufgrund des Projektes "MOSAiC" auf der "Polarstern" möglich. Was wir zum Beispiel gesehen haben, ist, dass das Eiswachstum im Winter nach wie vor sehr stark ist, sobald keine Sonnenstrahlung mehr da ist in der Polarnacht, sodass sich das Eis im Winter immer wieder erholen kann. Das deutet darauf hin, wie wichtig die Prozesse gerade im Sommer sind und dass wir besser verstehen müssen, was im Sommer passiert und warum gerade dann das Eis umso stärker zurückgeht.

rbbKultur: Hinter dem Projekt "MOSAiC" verbirgt sich die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Seit Herbst 2019 driftet der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" eingefroren durch das Nordpolarmeer. Was sind die Ursachen dafür, dass das Meereis in diesem Jahr besonders stark geschrumpft ist?

Haas: Grundsätzlich hängt die Dicke des Eises - und damit auch die Bedeckung des Eises - von vielen verschiedenen Faktoren ab. Einerseits vom Ozean untendrunter, der Wärme in das arktische Becken transportiert und dann von der Atmosphäre obendrüber, wo es nicht nur darum geht, dass die Luft wärmer wird, sondern wo auch die Frage ist: wie verändert sich die Strahlung zum Beispiel aufgrund von Bewölkung? Alle diese Faktoren spielen eine Rolle. Aber dieses Jahr war auch die Luft über Sibirien 4 bis 6 Grad wärmer als sonst und es ist anzunehmen, dass allein durch diesen Wärme-Hotspot dort das Eis dann auch stark geschmolzen ist.

rbbKultur: Was hat das für Folgen?

Haas: Die Folgen sind natürlich vielfältig. Das Meereis im Arktischen Ozean spielt eine ganz wichtige Rolle im Strahlungshaushalt der Erde, weil es aufgrund seiner hellen Oberfläche, seiner hellen Albedo, viel Strahlung ins Weltall zurückreflektiert. Je weniger Meereis es gibt, umso weniger wird reflektiert – und umso stärker kann sich die Arktis erwärmen. Dadurch kommt es zu einem positiven Rückkopplungsmechanismus - wir nennen das die Eis-Albedo-Rückkopplung – die dazu führt, dass sich die Arktis wesentlich stärker erwärmt als der Rest der Erde. Das wird auch bereits beobachtet: die Arktis erwärmt sich doppelt so stark wie der Rest der Erde. Das hat natürlich auch Folgen für das Schmelzen des Gletschereises auf Grönland und des gefrorenen Bodens in Sibirien und Nordkanada und damit auch auf den Meeresspiegel und auch auf das Wetter bei uns in Europa.

rbbKultur: Lässt sich das noch aufhalten? Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden?

Haas: Die gute Nachricht ist, dass die eisbedeckte Fläche sehr stark korreliert ist mit den Treibhausgasen in der Atmosphäre.

rbbKultur: Das ist eine gute Nachricht? Eigentlich sind Treibhausgase doch schlimm …

Haas: Wenn wir erfolgreich wären, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, dann würde sich das Meer sofort erholen - im Gegensatz zu den Gletschern auf Grönland oder in der Antarktis zum Beispiel – die den Meeresspiegel ansteigen lassen. Aber da sind wir in Stadien, die eben nur ganz langsam auf Reduzierung der Treibhausgase in der Atmosphäre reagieren würden.

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