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Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Frankfurter Buchmesse 2020 - Belletristische Erwartungen an die Buchmesse

Jedes Jahr im Oktober findet die Frankfurter Buchmesse statt. Genau heute würden wir uns ins Gedränge zwischen den Buchmesseständen stürzen und fragen, was sind die spannendsten Bücher in diesem Jahr? Ein Ausblick von Simone Thielmann.

Nun also doch: Buchmesse. Fünf Tage volles Programm, Lesungen, Diskussionen, Preise. Alles wie immer - und doch alles so, wie es noch nie war.

"Das ist dieses Jahr auch ein Ausprobieren. Wir werden sehen, wie die Formate angenommen werden. Und wir werden es alles in den Wochen nach der Buchmesse auswerten."

So der Buchmesse-Chef Juergen Boos auf der Vorschau-Pressekonferenz.

Keine Ausstellung in den Hallen, dafür überwiegend digitale Angebote. Die altehrwürdige Frankfurter Buchmesse in einer Art Testlauf. Bei Juergen Boos klingt das exklusiver, wertiger. Er spricht offiziell von der "Special Edition", und auch seine Mitarbeiter haben kreative Namen für den Corona-bedingten Notstand gefunden. Online wird es diverse Networking-Formate geben, ein "Hope Salon" wird inszeniert.

Die meisten Gäste der Buchmesse werden in diesem Jahr also nicht Besucher, sondern Follower sein. Und sie werden die Frage klären können, ob eine digitale Veranstaltung am Rechner genauso viel Spaß macht wie in echt.

Fast alle Lesungen gibt es auch im Stream. Manche finden gar nur im Digitalen statt. Höhepunkt: der Messe-Samstag mit dem digitalen "Bookfest": Jan Böhmermann, Cornelia Funke, Peter Wohlleben - die Gästeliste kann sich sehen lassen und hat auch Joachim Meyerhoff zu bieten. Der Schauspieler und Schriftsteller hat mit seinem Buch "Hamster im hinteren Stromgebiet" so etwas wie den Roman des Herbstes vorgelegt. Er verarbeitet darin seinen eigenen Schlaganfall zu einer tragik-komischen Geschichte.

"Mir war sofort klar, dass es ein Schlaganfall ist, wobei ich jetzt immer noch, zwei Jahre danach, erstaunt bin, wenn ich dieses Wort ausspreche. Dass ich jetzt mit diesem Wort eine Einheit bilde. Im Grunde ist der ganze Roman, den ich geschrieben habe, eigentlich nur dafür da, diesem Wort etwas entgegenzusetzen, nämlich meine Art vom Erzählen.“

Echte Geschichten. Die erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller derzeit mit Vorliebe. Nichts Ausgedachtes, kein Fake, sondern Fakten des Lebens in Romanform verpackt. Auch Anne Weber bedient diesen Trend. Sie hat die Biografie einer ganz realen französischen Widerstandskämpferin in ein Helden-Epos verpackt.

Oder auch Thomas Hettche, der an das Fernseh-Lagerfeuer vermutlich unser aller Kindheit anknüpft. Sein Roman "Herzfaden" schildert die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste und schwebt schon vor der Messe weit oben in den Bestsellerlisten.

Etwas mehr Zeitgeist und Nähe zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten zeigt das starke Debüt von Deniz Ohde. Ihr Roman "Streulicht" erzählt von einem Mädchen aus der Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund und von den Schwierigkeiten, in unserer Gesellschaft aufzusteigen.

Deniz Ohde: "Ich wollte auf jeden Fall kein Pamphlet gegen die Schule oder gegen toxische Familienverhältnisse schreiben, sondern es ging mir mehr darum zu zeigen, wie diese Verhältnisse, in der diese Erzählerin sich befindet, sich auf ihr Innenleben auswirken."

Deniz Ohde hat vielen anderen Debütanten einiges voraus. Ihr Buch hat allein dank der Nominierung für den Deutschen Buchpreis Aufmerksamkeit sicher. Gehör finden: in Corona-Zeiten eine noch größere Herausforderung als sonst. Infolge des Lockdowns wurden Lesungen und Festivals gecancelt - normalerweise Chancen, gerade für Nachwuchsautoren. Die digitalen Portale der Messe sollen deshalb neue Möglichkeiten für sie bieten.

Größtenteils fehlen werden die internationalen Gäste, die sonst die Frankfurter Buchmesse so relevant machen. Immerhin, der israelische Eröffnungsredner und Schriftsteller David Grossman wird per Livestream zugeschaltet sein, ebenso wie Friedenspreisträger und Wirtschaftsphilosoph Amartya Sen.

Bitter ist es hingegen für Verlage, die auf den Ehrengast Kanada gesetzt haben. Der Eichborn Verlag zum Beispiel hat gleich mehrere kanadische Autoren ins Deutsche übersetzt. Programmleiter Dominique Pleimling:

"Das ist schon echt eine bittere Situation. Wir haben tatsächlich auch überlegt, unsere kanadischen Bücher auf nächstes Jahr zu verschieben. Aber wir haben uns dann dagegen entschieden. Es sind alles großartige Bücher, die stehen für sich. Keiner weiß, was nächstes Jahr kommt. Es wird hier ein gewisses Programm geben, auch im digitalen Bereich. Und da sind wir dann mit unseren Autorinnen und Autoren auch dabei."

Werden die Bücher nun zum Ladenhüter? Der offizielle kanadische Auftritt wurde jedenfalls ins Jahr 2021 verschoben - vorausgesetzt, Corona ist bis dahin überwunden, sonst wird aus der "Frankfurt Special Edition" womöglich ganz schnell die neue Normalität der Buchmesse.

Simone Thielmann, WDR