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Kommentar - Und wer ist dieses Mal Schuld an Corona?

Überall in Deutschland steigen die Infektionszahlen. Und damit scheint auch überall das Bedürfnis zu steigen, jemanden für diese Neuinfektionen verantwortlich machen zu können. Irgendwer muss ja Schuld sein. Oder? Kirsten Dietrich kommentiert.

In den Herbstferien wollten uns Freunde besuchen, die wir dieses Jahr noch nicht getroffen haben. Abgesagt. An unserer Pinnwand im Wohnungsflur hängen die Tickets für den Nachtzug nach Zürich. Der fährt nun ohne uns, denn die Quarantäne in der Schweiz dauert länger als die Herbstferien.

Verdammt noch mal, wer hat das jetzt eigentlich verbockt? Denn wir, also meine Familie und ich, wir waren es auf keinen Fall. Schließlich feiern wir weder illegale Partys im Park noch Hochzeiten mit mehr als 20 Gästen. Noch machen wir Urlaub da, wo die Infektionszahlen noch höher sind als hier bei uns zu Hause. Selbst wenn ich ganz rational verstehe, dass letztlich niemand Schuld sein kann an einer weltweiten Pandemie - der Impuls ist da, genau diese Frage zu stellen: Wer ist Schuld? Diese Frage ist hochgefährlich. Gerade, weil sie so naheliegend zu sein scheint.

Wer ist Schuld? Vor den Sommerferien wurde in der Klasse meines Sohnes ein positiver Corona-Fall bekannt. Quarantäne, Abstrich, das ganze Theater - und sofort die Frage: Wer war's denn? Als ob das irgendetwas geändert hätte. Die Klasse hat jetzt eine Schülerin weniger. Die Betroffene hat die Nachfragen, die Scham und die von außen an sie herangetragenen Schuldgefühle nicht aushalten können. Sie wechselte die Schule.

Soweit im Kleinen. Im Großen muss man nur einmal das ironische und furchtbar hellsichtige "An allem sind die Juden schuld" des jüdischen Komponisten Friedrich Hollaender hören, geschrieben 1931, um zu verstehen, wie gefährlich die Frage ist. Wer ist Schuld? Das heißt ja auch: Wer ist verantwortlich? Und vor allem: Wen kann ich verantwortlich machen?

Schuldfragen sind sinnvoll bei übersichtlichen Ereignissen. Wer hat den Autounfall verursacht? Man kann ihn oder sie zumindest zu Schadenersatz heranziehen. Wer ist Schuld am Ausfall des Kernkraftwerks? Man kann vielleicht daraus für zukünftige Fälle lernen. Bei Corona fehlt diese Übersichtlichkeit vollkommen. Eine Krankheit, die Gesellschaften weltweit betrifft, ist zu komplex für einfache Schuldfragen.

Das ist auch das Verführerische von Verschwörungsmythen. In denen ist immer ganz klar, wer Schuld ist. Und schon ist die Welt wieder übersichtlich geordnet. Die Sehnsucht kann ich gut verstehen. Früher hat sie Menschen in die Kirchen getrieben. Heute noch gibt sie dem Glauben an ein vorherbestimmtes Schicksal auch etwas Tröstliches. So ein Vertrauen in einen übergeordneten Sinn hat nicht jeder. Muss er ja auch nicht. Aber zu einfache Antworten auf die Frage nach der Schuld dürfen auch kein Ersatz für Gottvertrauen oder Schicksalsgläubigkeit oder wie man es nennen will sein. Denn sie grenzen aus und können tödlich werden.

Vielleicht ist das die größte Herausforderung von Corona: Die Zufälle des Lebens wieder aushalten lernen. Zu verstehen, dass einfach auch heute noch nicht alles planbar und durchschaubar ist. Vielleicht muss man einfach die Frage umformulieren. Nicht "Wer ist Schuld?", sondern "Welche Verantwortung kann ich tragen?". Hier und Jetzt.

Ein Kommentar von Kirsten Dietrich, rbbKultur