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Bild: Gregor Baron

Aufregung über Gesetzentwurf - Gläubiger oder Gläubigerin? – Weibliche Form in Gesetzen

Der Gesetzentwurf zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts sorgt für Aufregung. Aber nicht aufgrund der darin vorgeschlagenen Reglungen, sondern weil dieser Gesetzentwurf fast durchgehend die weibliche Form, also das generische Femininum, verwendet. Das Bundesinnenministerium kritisierte den Entwurf scharf. Ist die Aufregung begründet?
 
Ein Gespräch mit Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

rbbKultur: Herr Stefanowitsch, welchen Unterschied macht es denn überhaupt, wenn im Anschreiben von der Bank immer nur von "Kunden" und nie von "Kundinnen" gesprochen wird?

Stefanowitsch: Man kann unter Laborbedingungen zeigen, dass die maskulinen Formen tatsächlich immer erstmal männlich interpretiert werden und dass diese sogenannte generische Interpretation, bei der dann die Frauen oder andere merken, dass sie auch mit gemeint sind, immer eine kleine Extra-Anstrengung ist. Man kann sich natürlich auch nie ganz sicher sein, weil das Maskulinum auch verwendet wird, um tatsächlich nur Männer zu bezeichnen. Es erzeugt eine Unsicherheit und einen kleinen mentalen Extra-Aufwand.

rbbKultur: Das Justizministerium von Christine Lambrecht hat jetzt das erste Mal das generische Femininum für einen Gesetzestext verwendet, und zwar in einem Gesetzentwurf, in dem es um die Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts geht:

§2 Pflichten bei drohender Zahlungsunfähigkeit (Auszug): "Ist die juristische Person oder die Gesellschaft ohne Rechtspersönlichkeit drohend zahlungsunfähig, wahren die Geschäftsleiterinnen die Interessen der Gesamtheit der Gläubigerinnen."

rbbKultur: Hätte der Gesetzestext die genau gleiche Bedeutung, wenn dort anstatt von "Gläubigerinnen" "die Gläubiger" stehen würde?

Stefanowitsch: Aus sprachlogischer Sicht könnte man sagen, es ist hier durchaus eine Symmetrie gegeben. Es ergibt auch aus der Sicht des Sprachsystems heraus nicht mehr Sinn, eine männliche Form zu verwenden, um auch Frauen mit zu meinen, als es jetzt der Fall wäre, wenn man umgekehrt eine weibliche Form verwenden würde, um auch Männer mit zu meinen.

Allerdings gibt es natürlich gerade in Gesetzestexten eine Gebrauchstradition, bei der nach allgemeinem Verständnis diese männlichen Berufsbezeichnungen – beispielsweise "Verbraucher", "Schuldner" usw. - auch weibliche Personen meinen. Und diese Gebrauchstradition gibt es in der umgekehrten Richtung natürlich nicht. Deshalb jetzt der Streit um dieses Gesetz. Diese Gebrauchstradition müsste man erst einmal etablieren.

rbbKultur: Ein Sprecher des Bundesinnenministers sagt, das generische Femininum zur Verwendung für weibliche und männliche Personen sei bislang sprachwissenschaftlich nicht anerkannt. Ist das so?

Stefanowitsch: Das ist eine merkwürdige Aussage. "Sprachwissenschaftlich" kann alles Mögliche heißen. Wenn man sich die Grammatik anguckt und die Art, wie sprachliche Bedeutungen entstehen, dann kann man sagen, ein generischer Gebrauch des Femininums ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht sicher nicht anerkannt, ein generischer Gebrauch des Maskulinums aber eben auch nicht.

Wie bereits erwähnt wissen wir aus Labortests, dass maskuline Formen nicht generisch interpretiert werden. Dasselbe gilt natürlich für feminine Formen. Wenn man die Sprachlogik ansetzt, kann man sagen: keines von beidem dürfte so sein. Die Gesetzestexte müssten eigentlich alle geschlechtsneutral formuliert werden, wie das mit der Straßenverkehrsordnung vor einigen Jahren passiert ist.

Wenn man aber sagt, wir wissen als Sprecherinnen und Sprecher in einem bestimmten Bereich, dass es Texttraditionen gibt, dann kann man sicher sagen, in Gesetzestexten gibt es eine bestehende Rechtsprechung, aus der ganz klar hervorgeht, dass nur, weil eine männliche Form verwendet wird, sich nicht nur Männer auf dieses Gesetz berufen dürften.

Wenn ich diese Sprachgebrauchstradition sprachwissenschaftlich bewerten würde, würde ich sagen: im Falle des Maskulinums gibt es halt eine lange Tradition - nicht seit hunderten von Jahren, aber zumindest seit hundert Jahren. Für die weibliche Form gibt es bisher auf Gesetzesebene überhaupt keine Vorbilder. Wobei es durchaus Satzungen und Ordnungen etc. gibt, in denen sich auch bereits das generische Femininum findet. Dann wird am Anfang des Textes einmal gesagt, die weiblichen Formen sind hier natürlich auf Männer und Frauen anzuwenden. Dann sollte aus rechtlicher Sicht eigentlich auch alles klar sein.

rbbKultur: Nun könnte man sagen, Traditionen sind dazu da, um sie eines Tages vielleicht zu durchbrechen. Jetzt alles umzukehren und für die männliche Form immer die weibliche zu nehmen, das hieße andersherum zu diskriminieren, um allen gerecht zu werden. Wie macht man es denn nun vollkommen korrekt?

Stefanowitsch: Es vollkommen korrekt zu machen, ist sehr, sehr schwierig, weil die deutsche Sprache die Kategorie Geschlecht an sehr, sehr vielen Stellen richtig in ihre Struktur integriert hat. Aber man sieht auf jeden Fall, dass bei anderen Gesetzestexten, wie z. B. der Straßenverkehrsordnung, durchaus eine ganze Reihe von vernünftigen Strategien zum Einsatz gekommen ist, um das zumindest zu reduzieren. Dort steht dann halt nicht mehr: "Radfahrer müssen beim Rechtsabbiegen ein Handsignal geben", sondern "Wer Rad fährt und rechts abbiegen will, muss ein Handsignal geben". Oder man benutzt Passivkonstruktionen.

Man kann die konkreten Bezüge ein bisschen minimieren. Oder man kann, aber so weit sind wir vielleicht noch nicht ganz, darüber nachdenken, wie man auch neue Formen der geschlechtsneutralen Rechtschreibung - zum Beispiel das viel geliebte und viel gehasste Gendersternchen, den Doppelpunkt oder andere Lückenzeichen - für Gesetzestexte freigibt.

Sie sagten es gerade: Traditionen sind dazu da, dass sie irgendwann mal durchbrochen werden. Und diese Tradition des generischen Maskulinums muss auf jeden Fall durchbrochen werden. Die ist irre. Wenn sie je zeitgemäß war - jetzt ist sie es auf jeden Fall nicht mehr. Dieses generische Femininum war immer eher gedacht, um zu irritieren und um zu zeigen, wie absurd die Idee einer generischen Bezugnahme durch eine geschlechtlich spezifizierte Form ist. Deshalb ist es keine Lösung. Aber es ist natürlich eine interessante Strategie des Justizministeriums gewesen, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur