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Bild: Yasemin Altinay

Literarische Plattform für marginalisierten Gruppen - Literarische Diverse - mehr Vielfalt in der Literaturszene

Mehr Farben, mehr Stimmen, mehr Unerhörtes - das wünscht sich Yasemin Altinay für die deutsche Literaturszene - statt zu warten, dass die Vielfalt von alleine Raum bekommt, nimmt die Literaturwissenschaftlerin es selbst in die Hand.

Mit “Literarische Diverse” hat Yasemin Altinay ein Magazin auf den Markt gebracht, das marginalisierten Gruppen eine Plattform zur literarischen Entfaltung gibt. Das aktuelle Heft ist Anfang des Monats in die zweite Auflage gegangen und wird mittlerweile sogar von Schulen als Unterrichtsmaterial angefragt.

Jasmin Kröger hat die Verlegerin Yasemin Altinay getroffen

Hobrechtstraße 65 in Berlin-Neukölln. Hier befindet sich die Buchhandlung "Buchkönigin". Yasemin Altinay trägt einen Karton mit den frisch gedruckten Exemplaren der zweiten Ausgabe ihres Magazins "Literarische Diverse" unter dem Arm.

Gerade mal DIN A5 ist es groß, rosafarbenes, gewachstes Cover, darauf abgebildet: liebevoll gestaltete Illustrationen junger Frauen - von der Kopftuch- bis zur Spaghettitop-Trägerin.

Entstanden ist Yasemin Altinays Magazin im Ein-Frau-Betrieb. Anstoß gab ihr eigenes Leseverhalten: Nach der Lektüre zu vieler "weißer alter Männer" suchte sie nach anderen Perspektiven. Erzählungen, die sie als Verlagskauffrau und Studentin der Literaturwissenschaften nicht ausreichend vertreten sieht.

Yasemin Altinay: “Ich bin dann draufgekommen, dass ich selbst ja auch Literatur verlegen könnte, weil ich das gelernt habe . Ich habe dann Wörter aufgeschrieben, die ich irgendwie in Verbindung bringe mit dem Magazin, das kommen soll - war dann bei 'Awareness' und 'diverse' - und dann hab ich gemerkt , dass in 'diverse' ja auch 'Verse' steckt. Dadurch ist dann das 'Literarische Diverse' gekommen."

Nina Wehner, die Inhaberin der "Buchkönigin", stolperte in den sozialen Medien über das Magazin und holte es sofort in ihr Sortiment. Sie ist der Meinung, dass "jung und migrantisch" ein Label ist, mit dem sich gerade viele Verlage schmücken wollen. Aber Yasemin Altinays Projekt sticht hervor:

Nina Wehner: “Die Auswahl wirkt kuratiert, gut überlegt und gut durchdacht. Man merkt an der Qualität der Texte: da ist jemand vom Fach. Die Texte sind teilweise experimentell, aber auf eine spannende und angenehme Art und Weise.”

Über einen Aufruf hat Yasemin Altinay 40 Gedichte, Kurzgeschichten, Interviews und Illustrationen für die aktuelle Ausgabe zum Thema "Sprache" zusammengestellt. Ihre Autor*innen werden als nicht deutsch gelesen, haben beispielsweise vietnamesische, marokkanische oder türkische Wurzeln. Alle eint: sie haben einen besonderen Bezug zum Thema.

Yasemin Altinay: “Sehr gerne mag ich den Beitrag von Lin Hierse "Über unsere Insel”". Es geht viel um die fehlende Sprache, dass die eigene Sprache nicht die der Mutter ist, damit ist die Insel gemeint. Man trifft sich bei den fehlenden Worten der Mutter und den eigenen. Dann fehlen natürlich viele Worte, um Gefühle auszudrücken. Das habe ich mit meinem Vater auch: Ich spreche ein bisschen türkisch, er spricht es flüssig - und so richtig verstehe ich es dann nicht. Auch meine Verwandten in der Türkei, was super schade ist. Ich habe mit meinen Großeltern kaum ein Wort gesprochen."

Sprachbarrieren mit den engsten Verwandten. Es ist die Kehrseite zur Schlagzeile, dass jedes fünfte Kita-Kind zu Hause kaum Deutsch spricht. Es gibt auch Kinder, die es bedauern, einsprachig aufgewachsen zu sein. Es tue gut, dieser Erzählung Raum zu geben, sagt Yasemin. Sie will, dass wir uns gegenseitig besser in die Köpfe gucken können, damit weniger Raum für Hass und Diskriminierung bleibt.

Das Thema für die dritte Ausgabe des Magazins steht auch schon fest: Widerstand.

So gut, wie es läuft, könnte sie dafür eigentlich gleich eine höhere Auflage bestellen - wäre ihr Büro nur nicht ihre Ein-Zimmer-Wohnung in Neukölln.