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Bild: Florian Büttner

"Der Mensch ist von Natur aus auf Kooperation angewiesen." - Warum Kompromisse schließen?

Ein Gespräch mit dem Biologen und Philosophen Andreas Weber

Mit Kompromissen ist es nicht so einfach. Einerseits baut die Demokratie darauf, dass ganz unterschiedliche Interessengruppen Zugeständnisse machen, damit alle gut leben. Andererseits will vor allem die neue Rechte eine klare Kante gegen faule Kompromisse und erntet dafür Applaus.

Der Biologe und Philosoph Andreas Weber diskutiert in seinem Buch "Warum Kompromisse schließen?" die Bedeutung von Kompromissen und erklärt auf rbbKultur, warum faule Kompromisse keine Kompromisse sind.

rbbKultur: Herr Weber, ist der Kompromiss vielleicht zu Unrecht etwas in Verruf geraten?

Weber: Ja, das glaube ich. Das ist in der Tat eine der Thesen meines Buches. Ich glaube, dass wir in einer kompromissfeindlichen Zeit leben und das im Grunde seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der der Kompromiss oder das konsensuelle Handeln, das Zusammenhandeln, ziemlich hoch auf der Tagesordnung stand. Aber das ist wieder etwas verblasst. Auch wenn es in der Politik oft nicht ausgesprochen wird: wir leben doch in einer Zeit, in der die Idee, dass man in Gemeinsamkeit, mit gemeinsamen Abstrichen und in gemeinsamem Respekt vor den eigenen Zielen am meisten erreicht. Das ist in Vergessenheit geraten.

Auch im Privatleben kann man das ziemlich deutlich sehen. Die Devise, wenn Du es nicht schaffst, Dein Ding durchzudrücken, dann bist Du ein Loser, dann hast Du es nicht richtig gecheckt. Diese Devise steckt uns allen in den Knochen. Ich glaube, das ist eines der großen sozialen Probleme, die wir haben: dass wir Kompromisse verlernt haben.

rbbKultur: Den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg musste erstmal beigebracht werden zu diskutieren, einvernehmliche Lösungen zu finden. Ist der Mensch vielleicht von Natur aus einfach gar nicht kompromissbereit?

Weber: Ich glaube, dass es sich genau umgekehrt verhält. Der Mensch ist von Natur aus auf Kooperation angewiesen, er sucht Kooperation. Das ist unsere Ausrichtung. Auch ökologisch ist das sinnvoll, weil wir nicht alleine existieren können. Weil ja schon unser Körper und alles, aus dem wir bestehen, eine Form von Gemeinsamkeit und Zusammenhandeln ist. Wir wollen also kooperieren.

Wenn die Kooperation gelingt, dann fühlen wir uns gut. Das wissen wir alle in gelungenen Beziehungen, in sinnvollem Handeln. Wo es uns und unserem Umfeld gut geht, fühlen wir uns gut. Es ist aber natürlich nicht so, dass der Mensch von sich aus fähig zu Zugeständnissen und immer nur gut ist. Das ist der feine Unterschied. Er will Kooperation. Aber wie wir diese Kooperation organisieren, das müssen wir kulturell hinkriegen oder politisch gestalten.

rbbKultur: Es gibt ja auch den Begriff des faulen Kompromisses. Ist es ein fauler Kompromiss, wenn jemand sagt: Sie können Ihren Job behalten, müssen aber für weniger Geld mehr arbeiten? Oder ist das eine einvernehmliche Lösung?

Weber: Der faule Kompromiss, den ich für einen missglückten Kompromiss halte, ist immer dann gegeben, wenn jemand gezwungen wird. Wenn nicht beide aus freien Stücken aufeinander zu kommen können. Wenn einem nichts anderes übrig bleibt, wenn seine Menschlichkeit oder seine Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Dann müssen wir uns fragen: wie abhängig ist derjenige? Wenn er keinen anderen Job mehr findet - dann ist das kein Kompromiss, wenn er ja sagt. Häufig wird das dann als fauler Kompromiss bezeichnet. Das ist aber ein Reden, das der Idee des Kompromisses, nämlich des Findens einer gemeinsamen Wahrheit, nicht gerecht wird. Eigentlich müsste derjenige sagen: ich bin gewaltvoll gezwungen worden, etwas anzunehmen, was mir eigentlich schadet.

rbbKultur: Warum ist es so schwer, Kompromisse einzugehen? Auch in gefestigten Demokratien, wo man doch geübt darin ist, einen Interessensausgleich herzustellen?

Weber: Demokratie ist eigentlich der institutionalisierte Kompromiss. Wir haben aber gleichzeitig zu unseren Demokratien auch unsere Wirtschaftsform. Und diese Wirtschaftsform, also der Kapitalismus, ist nicht kompromissorientiert, sondern eliminativ. Sie haben es vorhin schon gesagt: Das ist diese verballhornte Sicht der Natur, die natürlich ganz anders funktioniert. Dass immer ein Größerer kommt und den Kleineren frisst, so dass wir politische Systeme haben, die eigentlich auf Zusammenhandeln angelegt sind. Diese werden aber getragen von einem System der Wirtschaft und des Materiellen, des ganz realen Überlebens der einzelnen, die total auf Antagonismus und Eliminierung ausgelegt sind. Das macht dieses Zusammenhandeln so schwierig.

Noch schwieriger, seit die Idee der sozialen Marktwirtschaft, die in anderen Weltteilen vielleicht anders hieß, aus der Mode gekommen ist. Seit den frühen 80er-Jahren, seitdem die Wirtschaft alles ist und alles bestimmt und sich als unverrückbar oder heilig ausgibt. Mit solchen Standpunkten kann man keine Kompromisse schließen, weil Sie ja nicht von Ihrem Ort weggehen können. Wenn Sie sagen: so wie ich das sehe, stimmt es - da gibt es nichts dran zu rütteln, dann sind Sie nicht kompromissfähig. Das sehe ich als unser fundamentales Problem. Dass uns diese Sicht der materiellen Verteilung aufgezwungen wird, die nicht abrücken kann von dieser Idee, dass einer den anderen aus dem Weg räumen muss, dass es sonst nicht weitergeht. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

rbbKultur: Das betrifft ja nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Themen wie Rassismus oder Klimawandel. Nach dem Motto: Entweder Du gibst Dein Auto, oder du bringst mich um meine Zukunft. Ein "Entweder-Oder". Ist das aus der Wirtschaft in unser gesellschaftlich-politisches Leben rübergeschwappt?

Weber: Das Wirtschaftsmodell ist ja eigentlich so etwas wie unser 'kosmisches Modell'. Es ist die Idee, wie das Leben stattfindet. Es gibt eine sehr enge Verflechtungsgeschichte zwischen Biologie und Wirtschaftstheorie. Irgendwann könnte man es vielleicht sogar als eine Form von "Bioliberalismus" bezeichnen. Dass diese Welt eben so ist, dass sich der Stärkere durchsetzen muss. Das unterschlägt, dass es gleichzeitig in dieser Welt natürlich nicht ohne Verflechtungen zugeht. Das sehen wir aber nicht, obwohl es die ganze Zeit stattfindet.

Wir Menschen, die wir uns gerne für Einzelkämpfer halten in diesem Bild, haben übersehen, dass wir uns bereits mit jedem Atemzug mit der Atmosphäre verflechten und vermischen. Weil wir das, was aus unserem Körper kommt, in die Atmosphäre geben und wir wieder etwas in uns hineinnehmen. Und damit ist dann die Idee, das Klima sei ein Objekt, das man reparieren muss, eigentlich auch schon passé. Das ist eine Gemeinschaft von Beteiligten, die gemeinsam in einem Atemraum miteinander agieren: Da ist dann nicht mehr nur ein Handeln gegeneinander gefragt, weil wir die anderen in diesem Raum ja brauchen.

Das Gespräch führte Susanne Papawassiliu, rbbKultur