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Bild: Herlinde Koelbl

- Kunstwerke auf der Berliner Museumsinsel beschädigt - wie groß ist der Schaden?

In mehreren Museen auf der Berliner Museumsinsel haben Unbekannte Ausstellungsstücke mit einer öligen Flüssigkeit besprüht. Die Tat ereignete sich am 3. Oktober, wurde aber aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst geheim gehalten. Betroffen sind Objekte in der Alten Nationalgalerie, dem Pergamonmuseum und im Neuen Museum, u.a. ägyptische Sarkophage, Steinskulpturen sowie Bilderrahmen von Gemälden aus dem 19. Jahrhundert.
 
Wie groß ist der Schaden? Was bedeutet das für die Sicherheitsvorkehrungen in den Staatlichen Museen zu Berlin? Darüber sprechen wir mit Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

rbbKultur: Herr Parzinger, die Schäden an den antiken Kunstobjekten fallen zum Teil gar nicht sofort ins Auge. Das sagt natürlich nichts über den Grad der Beschädigung aus. Hat man schon mit der Restaurierung und Reinigung beginnen können?

Parzinger: Ja, man hat schon am Wochenende, als die Schäden festgestellt wurden, sofort die Restauratoren alarmiert, die mit ersten Maßnahmen begonnen haben. Es ist so, dass die Flüssigkeit, die dort aufgespritzt wurde, vom Laien in vielen Fällen nicht sofort gesehen wird, weil die Gesteinsstrukturen, ob das Skulpturen oder Sarkophage sind, primär archäologische Objekte, von der Farbgebung nicht sehr einheitlich sind. Aber wenn man den Schaden einmal gesehen hat, dann erkennt man das wieder. Bei etlichen Objekten konnten die Schäden schon weitgehend beseitigt werden. Aber das hängt vom Steinuntergrund ab, der reagiert natürlich unterschiedlich - je nachdem, wie tief die Flüssigkeit in das Gestein einzieht. Aber ich bin sehr froh, dass wir bei den Staatlichen Museen mit die weltweit besten Restauratorinnen und Restauratoren haben, die mit Hochdruck seit dem Anschlag dabei sind, die entsprechenden Objekte zu restaurieren.

rbbKultur: Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat als Soforthilfe 100.000 Euro bereitgestellt. Können Sie schon absehen, ob das reichen wird?

Parzinger: Das kann man jetzt schlecht sagen. Aber das Zeichen der Ernst von Siemens Kunststiftung, einfach von sich aus sofort zu reagieren, ist wirklich großartig. Wir haben auch weltweit von Kolleginnen und Kollegen von Kultureinrichtungen eine große Solidarität erfahren. Doch selbst wenn sich alles wieder beseitigen lässt, bleibt ein schreckliches Gefühl über diesen Anschlag auf das kulturelle Erbe zurück. Und ich glaube, das ist es, was einen am meisten schockiert, auch wenn man alle Schäden wieder beseitigen kann. Was geht in dieser Gesellschaft eigentlich vor, dass man so eine Tat begeht? Dass man fast 70 Objekte quer durch die Museen willkürlich mit einer Flüssigkeit bespritzt und das auch noch so perfide - mit einer kleinen Klistierspritze, die man im Ärmel verstecken kann, das Kunstwerk dann bespritzt, wenn die Aufsicht sich umdreht. Aufgrund von Corona gibt es sogar mehr Aufsicht, damit die Leute die Abstände einhalten. Die kriminelle Energie, die dahintersteckt, ist das eigentlich Erschreckende. Und wir wollen ja, dass die Museen geöffnet sind, dass nicht jeder Sarkophag hinter Panzerglas versteckt wird, dass ein direkter Kontakt der Besucherinnen und Besucher zu den Objekten möglich ist. Können wir das weiterhin noch so aufrechterhalten? Das ist, glaube ich, die Frage, die wir uns alle stellen müssen.

rbbKultur: Was bedeutet dieser Vorfall jetzt für die Sicherheitsvorkehrungen in den Staatlichen Museen?

Parzinger: Die bundesstaatlichen Museen sind jetzt natürlich aufgefordert, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen. Es gibt eine ganze Reihe von Fragen, die beantwortet werden müssen. Dann bleibt vor allem die Frage: wie weiter? Es ist nicht damit getan, dass man noch mehr Videokameras installiert. Wir haben jetzt schon Stunden von Videomaterial, das man auswerten muss, was in Zeiten von Corona auch schwieriger ist, denn wer im Museum ist, trägt natürlich eine Maske. Aber der Punkt ist: können wir die Objekte noch so stehen lassen? Wir können nicht neben jeden Sarkophag eine Aufsicht stellen. Das heißt, es bleibt auch ein Stück weit die gemeinsame Verantwortung der Gesellschaft und der Museen, diesen Ort für die Öffentlichkeit frei und offen zu halten. Vielleicht müssen auch die Museumsbesucher*innen selbst Mitverantwortung übernehmen - zum Beispiel, wenn sie merken, da macht jemand neben ihnen komische Bewegungen - und dann jemanden informieren. Wir haben alle Verantwortung. Das kann man nicht nur an Videokameras und Aufsichten delegieren.

rbbKultur: Wird es nicht auch nötig werden, einen gesellschaftlichen Diskurs darüber zu führen?

Parzinger: Auf jeden Fall. Wenn man sieht, was auf der Museumsinsel schon seit Wochen sonst so los ist, die Vermüllung, die wilden Partys und so weiter, das hat zugenommen. Kein Respekt mehr vor dem Welterbe. Das ist wirklich beängstigend, was da zum Teil passiert. Und natürlich ist so ein herausragender zentraler Ort wie die Museumsinsel mit seiner Geschichte, den Sammlungen, natürlich ein bevorzugtes Ziel. Das ist wirklich das eigentlich Schockierende.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur

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