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Bild: Berlinische Galerie

Eine Zeitreise in 18 Kapiteln - Berlinische Galerie: "Kunst in Berlin 1880-1980"

Die Berlinische Galerie, das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, gehört zu den jüngsten Museen der Hauptstadt. 1975 wurde sie gegründet, in diesem Jahr feiert sie ihren 45. Geburtstag.

Das war der Anlass für das Haus, einen frischen Blick auf seine Sammlung zu werfen und seine Dauerausstellung neu zu präsentieren. In 18 Kapiteln bietet sie eine Zeitreise durch 100 Jahre Berliner Kunstgeschichte, von 1880 bis 1980. Sigrid Hoff hat sich auf diese Reise begeben.

Gleich in der Treppenhalle beim Aufstieg in die obere Galerie empfangen großformatige Wandbilder die Besucher*innen. Sie zeigen wilde Kampfesszenen in schrillen Farben. Auf einem Gemälde kniet Odysseus, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, in der Linken den Bogen, mit der Rechten hält er den Pfeil zum Abschuss bereit. Auch die anderen Darstellungen sind theatralische Überzeichnungen, die an Comics denken lassen. 1913 hatte der Maler Lovis Corinth, einer der führenden Vertreter des deutschen Impressionismus, diese Wandbilder als Dekoration für die Villa eines Großindustriellen gemalt.

Stefanie Heckmann, Sammlungsleiterin für Bildende Kunst an der Berlinischen Galerie:

"Ja, sie sind wirklich originell. Eigentlich waren Landschaften bestellt, und geliefert hat er dann diesen fast schon comicartig-expressiven Zyklus, wo er Motive aus der Odyssee aufgreift, aus Ariost, aus dem Rasenden Roland, und auch großformatige Figurenbilder geschaffen hat, die auch von unglaublicher Wirkkraft sind."

Ein starker Auftakt. Daran schließt sich der chronologische Rundgang an, der durch hundert Jahre Berliner Kunstgeschichte von 1880 bis 1980 führt.

Direktor Thomas Köhler:

"Die Berlinische Galerie war selten in der Lage, wirklich systematisch zu sammeln. Das heißt, das, was sich bei uns im Haus befindet, hat viel mit Zufällen zu tun. Wir fanden das also ausgesprochen aufregend, mal zu gucken: was gehört denn nicht zum Kanon? Welchen Namen hat man wirklich noch nie gehört? Und das war so ein bisschen der Auslöser für diese Auswahl, die wir jetzt gerade präsentieren. Natürlich gibt es auch die Werke, die zum Kanon gehören, die so etwas wie Highlights unserer Sammlung sind. Aber die werden eben aufs Schönste, wie wir finden, ergänzt durch Dinge, die man noch nie gesehen hat."

Beim Rundgang trifft man auf alte Bekannte. Etwa die Arbeiten der Dada-Künstler Hannah Höch, Kurt Schwitters und John Heartfield oder für die Zeit der 1970er-Jahre auf die Jungen Wilden der West-Berliner Szene wie Rainer Fetting.

Auch Architektur spielt eine Rolle. Ein Abschnitt zeigt individuelle Einfamilienhausentwürfe der 1950er-Jahre. Sie orientieren sich an Vorbildern wie Hans Scharoun oder auch den Funktionalisten des Bauhauses.

Das Abschlusskapitel widmet sich Vertretern der jungen DDR-Fotografie der 1980er-Jahre mit Alltagszenen in Ost-Berlin in ungewöhnlichen Ausschnitten. Die Hand mit Punk-Armband, die fast beiläufig neben einem Essteller liegt, hat die Künstlerin Maria Sewcz 1986 fotografiert.

Stefanie Heckmann:

"Das ist ganz wunderbar als Abschluss. Diese qualitätvolle Künstlerin auch hier zu zeigen und entdecken zu können. Das wird es auch in Zukunft geben, dass wir in geringerem Umfang, als wir es jetzt gemacht haben, umhängen, neu kombinieren. Denn aus diesen neuen Kombinationen von Werken zieht man auch immer ganz neue Erkenntnisse."

Ergänzt wird die Neupräsentation der Dauerausstellung durch eine Schau, die sich der Geschichte hinter den vor 1945 entstandenen Bildern widmet. Sie eröffnet am 28. Oktober unter dem Titel "Provenienzen. Kunstwerke wandern". Seit 2006 erforschen Wissenschaftler am Haus die verschlungenen Wege, die manche Kunstwerke genommen haben, bis sie in der Sammlung landeten. Dabei geht es auch um Verdachtsfälle von NS-Raubgut.

Direktor Thomas Köhler:

"Die Berlinische Galerie ist tatsächlich 1975 gegründet worden. Da mag man denken, das ist ja total unkompliziert, da haben wir ja gar nichts mit solchen Fragen der Provenienzforschung zu tun. Aber das ist tatsächlich nicht der Fall. Weil just in der Zeit hat man sich eigentlich um die Herkunft von Kunstwerken gar nicht so großartig gekümmert. Dieses Bewusstsein, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu fragen, ob ein Kunstwerk rechtmäßig auch im Besitz eines öffentlichen Hauses ist, die kam eigentlich erst viel später."

Die Komplexität des Themas veranschaulicht ein Selbstporträt von Max Liebermann aus dem Jahr 1912. Da der Künstler viele Selbstbilder hinterlassen hat, war es schwierig festzustellen, um welches es sich handelt, aus wessen Besitz es kommt und ob der Raubkunstverdacht sicher auszuschließen ist. Für das Liebermann-Porträt ergaben die Nachforschungen, dass es rechtmäßig in der Sammlung ist. Bei anderen Kunstwerken, die auf einer großen Wand dicht an dicht hängen, sind noch Fragen offen.

Sigrid Hoff, rbbKultur