Der Morgen; © rbbKultur
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Was bedeutet der "Lockdown" für die Schulen? - "Schulen sollten so lange wie möglich offen bleiben"

Nach den Sommerferien durften die Kinder in Berlin und Brandenburg wieder zur Schule gehen, es schien fast wieder Normalität zu herrschen, von den Masken in den Fluren einmal abgesehen. Doch jetzt beschleicht viele Kinder, Eltern und Lehrer*innen die Angst, dass es von vorne losgehen könnte mit dem Homeschooling. Ein Gespräch mit Norman Heise, Elternvertreter des Landes Berlin.

rbbKultur: Herr Heise, die Schulen bleiben geöffnet. Das klingt erstmal gut. Das bedeutet aber nicht, dass man von Normalbetrieb sprechen kann ...

Heise: Das heißt seit dem Sommer schon nicht mehr Normalbetrieb – das heißt: "Normalbetrieb unter Corona-Bedingungen". An den Schulen muss in bestimmten Bereichen die Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden. Und je nachdem, wie sich das Infektionsgeschehen auch in der Schule und um die Schule herum weiterentwickelt, gibt es unterschiedliche Stufen, die am Ende unterschiedliche Maßnahmen mit sich bringen – u.a. eine Ausweitung der Pflicht, die Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

rbbKultur: Gibt es konkrete Pläne oder muss jede Schule eigene Pläne erstellen?

Heise: Es gibt einen Stufenplan, der das Infektions- und Quarantäne-Geschehen in der Schule berücksichtigt. Aber auch außerhalb der Schule. Dann setzen sich donnerstags die Schulaufsichten und Gesundheitsämter zusammen und beraten aus ihrer jeweiligen Perspektive, in welche Stufe welche Schule ganz individuell eingeordnet wird. Dann schaut die Schule in diesen Plan und stellt fest, was sie machen muss. Seit gestern Abend haben wir auch die neuen Musterhygienepläne, die entsprechend an diesen Stufenplan angepasst sind und auch noch einmal ganz gezielt für die einzelnen Bereiche der Schule sagen, was die jeweilige Stufe für den jeweiligen Bereich bedeutet.

rbbKultur: Was bedeutet das für die Schülerinnen und Schüler? Muss die Hälfte von ihnen zu Hause bleiben und digital unterrichtet werden?

Heise: Das ist die letzte Stufe. Wir unterscheiden nach vier Stufen. Grün heißt, es läuft erstmal so, wie wir es seit den Sommerferien kennen. Gelb bedeutet, es gibt eine Verschärfung. Orange: Es gibt nochmal eine Verschärfung. Rot bedeutet dann tatsächlich, dass es diesen reduzierten Unterrichtsbetrieb gibt. Also fünfeinhalb Stunden Betreuung in der Schule, drei Stunden Unterricht, zweieinhalb Stunden Betreuung. Das heißt, dass Kinder in der Grundschule von ihren Eltern auch wieder betreut werden müssten. An den weiterführenden Schulen heißt es dann zum Beispiel A/B-Wochen, kann aber auch, je nachdem, wie die Schulen ausgestattet sind – und das ist sehr unterschiedlich – bedeuten, dass es eine Art Hybrid-Unterricht gibt. Das heißt: ein Teil Präsenz vor Ort, ein Teil über z.B. Videokonferenz, zugeschaltet von zu Hause.

rbbKultur: Wir haben es heute in den Nachrichten gehört: Berlin hinkt beim Digitalpakt erheblich hinterher. Gibt es denn diesmal, wenn Homeschooling wieder nötig wird, Pläne, damit Kinder aus schwierigen Verhältnissen auch aufgefangen werden können?

Heise: Es gibt zumindest mehr Verbindlichkeit, dass und wie sich die Lehrkräfte dann bei den Familien und bei den Schüler*innen, die zu Hause sind, melden müssen. Das heißt, dass sie sich tatsächlich zwei Mal pro Woche in Verbindung setzen sollen. Der Weg ist nicht festgeschrieben. Das kann per Email, Telefon oder Videokonferenz stattfinden. Das ist tatsächlich etwas, das wir positiv wahrgenommen haben. Es gibt weitere IT-Geräte, die an Schüler*innen und Lehrkräfte ausgereicht werden, um auch genau dort nachzusteuern, wo wir die Defizite während des Lockdowns und der stufenweisen Öffnung festgestellt haben.

rbbKultur: Was ist mit der seelischen und physischen Gesundheit der Kinder? Wird sich darum gekümmert, dass Kinder nicht vereinsamen?

Heise: Das ist genau der Punkt, warum die Schulen so lange wie möglich offenbleiben sollen. Selbst in Stufe Rot gibt es weiter eine Präsenzpflicht und man hat die Kinder im Blick. Auch vor dem Hintergrund: Schule als Schutzraum und Kinderschutz. Insofern hängt es am Ende von uns allen ab, ob die Schulen offenbleiben. Nämlich, ob wir uns an die Hygieneregeln und die Lüftungs-App halten. Dann werden wir hoffentlich gut durch den Herbst und Winter kommen und den Schüler*innen ermöglichen, auch weiter in die Schule zu kommen.

rbbKultur: Wird die Bildung der Kinder langfristig unter diesem Jahr 2020 und womöglich auch noch länger leiden?

Heise: Das ist eine Frage, die ich nicht gut bzw. pauschal einschätzen kann. Ja, es gibt Schüler*innen, die sind besser durch den Lockdown gekommen und es gibt welche, die sind tatsächlich abgehängt gewesen, da gab es gar keinen Kontakt. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Bandbreite dessen, was man verpasst und nicht verpasst hat. Die Frage ist, ob die Schule das jetzt auffangen kann, was dort nicht stattgefunden hat. Von einigen Schulen haben wir gehört, dass sie das ganz gut hinkriegen. Diese Wissensdefizite sind identifiziert und man arbeitet jetzt daran, sie zu beheben. Insofern hoffen wir, dass es nicht zu einem starken Abfall kommt.

rbbKultur: Was würden Sie sich als Leiter des Landeselternausschusses wünschen, was noch zusätzlich getan werden könnte? Sowohl für die Schüler*innen als auch für die Lehrkräfte und Eltern.

Heise: Wir fordern aktuell und ganz konkret – und das befindet sich in der Umsetzung, allerdings viel zu langsam – Luftreinigungsgeräte für die Klassenzimmer. Das ist nochmal ein zusätzlicher Schutzfaktor, weil sie einen großen Anteil von Viren und Bakterien aus der Luft herausfiltern. Das ersetzt am Ende nicht das Lüften, aber es gibt nochmal mehr Sicherheit - wenn ich jemanden habe, der positiv auf das Corona-Virus getestet wurde: dass dessen Atemluft abgesaugt, gereinigt und gefiltert wird, so dass es zu keiner oder wenig Ansteckung kommt.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur