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Wien nach dem Anschlag: Ein Trauerkranz wird am Dienstag zum Tatort gebracht. | Bild: picture alliance/Roland Schlager/APA

- Europas Reaktion auf den Terror ist zu schwach

Der Terroranschlag von Wien hat uns betroffen gemacht. Wieder einmal. So wie die islamistischen Attentate zuvor, die Europa erschüttert haben – allein vier in den vergangenen vier Wochen. Wo bleibt die europäische Antwort, fragt Jürgen Wertheimer in seinem Kommentar.

Europa fehlt eine Antwort auf den Terror. Paris, Nizza, Wien, das ist mehr als eine Provokation - es ist eine Kriegserklärung. Strategisch und organisiert wird Europa in dem Moment angegriffen, in dem es Corona-bedingt ohnehin geschwächt und reaktionsverzögert agiert.

Aus dem Koran und der Literatur weiß man nur allzu gut, dass es definitiv als Zeichen der Schwäche, ja schlimmer, der Feigheit gesehen wird, wenn der Feind, also wir, eine solche Kriegserklärung nicht annimmt. Und zwar auf eine unmissverständliche Art und Weise - nicht in Gestalt der üblichen Verlautbarungen im Stil von "ein abscheuliches Verbrechen", "wir werden die Europäischen Werte mit aller Entschiedenheit…".

Christen, Säkulare und die überwältigende Mehrzahl der Muslime müssen aktiv zusammenstehen und Islamisten konsequent ausgrenzen. Es geht nicht darum, zum x-ten Male die Psychologie und Raffinesse der Täter akribisch unter die Lupe zu nehmen. Wie dies in diversen Talkshows pflichtschuldigst getan wird. Wir sollten nicht nur die Täter screenen - wir müssen uns erforschen: und uns fragen - warum verharren wir in Schockstarre? Warum beachten wir konkrete Warnungen und klare Indizien nicht? Warum können wir uns allem Anschein nach nicht so gut organisieren wie die Täter? Warum haben wir Gefallen an der "Opferrolle" gefunden? Was ist da faul im Staate Europa, dass es mit all seiner Technologie, Psychologie und Wissenschaft nicht fähig ist, die Dschihadisten in den Griff zu kriegen?

Eine mögliche Antwort: wir wollen gar nicht mehr allzu genau verstehen. Weil uns das zum Handeln verpflichten würde. Anders wäre es ja gar nicht zu erklären, weshalb Dutzende von Profilern und Verfassungsschützern sich wieder und wieder als unfähig erweisen, bereits Vorbestrafte, also signifikant in Erscheinung getretene Kriminelle, nicht als Gefährder erkennen, sondern wieder auf freien Fuß setzen. Fast wäre man versucht, mit Greta Thunberg all jenen ein empörtes "how dare you!" an den Kopf zu werfen, die immer noch von europäischen Werten faseln ohne sich die Frage zu stellen, ob nicht Klarsicht, Konsequenz, logisches Denken, Kritikfähigkeit auch dazu gehörten.

Könnte es sein, dass dieses Europa bereits den Kampf für seine Kultur des Individualismus, des Relativismus, des Säkularismus - kurz: der Aufklärung - längst aufgegeben hat? Auf dem Taksim, dem Tahrir-Platz, kämpfte man für unsere Kultur. Das Europa der Saturierten begnügt sich damit zuzuschauen und ein paar Tränen zu vergießen.

Ein Beitrag von Jürgen Wertheimer