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- Nie wieder! Ein Kommentar zum 9. November

82 Jahre sind seit den Novemberpogromen von 1938 vergangen. Doch rechte Gewalt ist präsenter denn je, rechte Politik wird immer mehr zum Konsens. Ein Gastkommentar des Autors Hasnain Kazim.

"Nie wieder!" heißt die Beschwörung in der Bundesrepublik Deutschland, nie wieder Vernichtungslager, nie wieder Verfolgung von Menschen, nie wieder Krieg. Und doch leben wir in Zeiten, in denen wieder einiges möglich ist. "Nie wieder!" verkommt zur Floskel, wenn nicht auch Taten folgen, die diesen Worten Wirkung verleihen.

"Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung", notiert der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier. Und jeder einzelne Schritt zu klein für die große Empörung - bis irgendwann das große Böse entstanden und es zu spät zum Empören ist.

So war es in der Geschichte. Wir gedenken der Opfer der Reichspogromnacht, als im November 1938 Geschäfte und Häuser, die Juden gehörten, geplündert, zerstört, als Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Altenheime verwüstet wurden. Auch diesem beschämenden Ereignis gingen viele kleine Schritte voraus. Das Wegschauen. Das Nichtinteressieren für das Schicksal der Nachbarn. Das Ignorieren der vielen Worte, die "die" Juden in ein bestimmtes Licht setzten, sie entmenschlichten und es nur kurze Zeit später möglich machten, ihre gänzliche Vernichtung zu betreiben. Auf Worte folgten Taten. Diese furchtbare Nacht war ein neuer Tiefpunkt, dem unfassbar schlimmere folgen sollten. Auch 1938 gab es Menschen, denen nicht gefiel, was Nationalsozialisten den Juden antaten. Aber sie waren zu leise.

Das gibt es auch heute. Das Nichtmitbekommen (und Nichtmitbekommenwollen). Das Starren auf das Smartphone, wenn jemand ein paar Schritte weiter in der U-Bahn angegriffen wird. Das Wegsehen, das Schweigen, aus Desinteresse, aus Angst, aber auch aus Zustimmung. Jemand bei einer Demo hat eine "88" auf der Jacke oder auf den Arm tätowiert? Schauen wir mal nicht so genau hin.

Es folgt die Grenzverschiebung des Sagbaren, das Verständnis, die Akzeptanz, ja die Zustimmung zu verbaler und physischer Gewalt. August 1992. Menschen, die in Rostock-Lichtenhagen am Straßenrand und in den Fenstern stehen und zuschauen, wie ein rechtsextremer Mob Menschen jagt. Manche applaudieren sogar, feuern die Gewalttätigen an.

Juni 2019. Als der CDU-Politiker Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten ermordet wird, ist selbst aus seiner eigenen Partei zu hören, teils unterschwellig, teils unverhohlen: Warum musste er sich mit seinem Einsatz für Flüchtlinge auch so aus dem Fenster lehnen?

Schleichend fällt das Gewaltmonopol des Staates. Parteifanatiker, Schlägertrupps, der Mob übernehmen. Wie bei der Reichspogromnacht, als Menschen jüdischen Glaubens geschlagen, drangsaliert, gequält wurden. Wie bei Demonstrationen 2020, als Neonazis Feuerwerkskörper auf Polizisten schossen und Journalisten drohten, sie würden demnächst "hängen". Überall ließ man sie gewähren. Überall hörte man damals die Glasscheiben bersten. Überall hörte man jetzt die "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!"-Rufe.

Hören wir hin. Schauen wir hin. Erheben wir unsere Stimme, laut, wenn wieder so ein Schritt zum Bösen passiert. Lassen wir Grenzverschiebungen nicht zu. Setzen wir Grenzen. Damit es wirklich beim "Nie wieder!" bleibt.

Ein Gastbeitrag von Hasnain Kazim

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 1.

    Es sind 82 Jahre vergangen - viele unserer Eltern haben als kleine Kinder den Krieg miterlebt.