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Geld für die freie Kultur-Szene - Fonds Darstellende Künste: "Es reicht nicht!"

Aus dem Corona-Rettungsprogramm der Bundesregierung erhält der Fonds Darstellende Künste 65 Millionen Euro für Hilfen im Kultur- und Medienbereich. Aber das reicht nicht, prognostiziert der Geschäftsführer des Fonds, Holger Bergmann. Wir sprechen mit ihm über die Lage und wachsende Zweifel an "flächendeckender" staatlicher Unterstützung der Kultur.

rbbKultur: Wie sieht denn die Lage der Darstellenden Künste aus Ihrer Sicht aus?

Bergmann: Wir haben ein Maßnahmenpaket zum 1. Oktober, direkt zwei Tage, nachdem wir als Fonds Darstellende Künste den Bewilligungsbescheid erhalten haben, mit elf unterschiedlichen Förderansätzen auf den Weg gebracht, um der gesamten Vielgestaltigkeit der freiproduzierenden Theater- und Tanzszene gerecht zu werden. Wir haben jetzt die ersten Ergebnisse nach den ersten drei Programmen, die ausgeschrieben wurden, und den ersten Antragsrunden. Wir sind doch etwas alarmiert auf der einen Seite. Was das Ringen der Kulturszene und ihr aktives Treiben betrifft, sind wir sehr bestätigt worden, weil es ein sehr hohes Antragsvolumen gibt, das wir in der Form bei der Hälfte des Programms so nicht erwartet hätten.

rbbKultur: Heißt das, Sie fordern mehr Mittel? Oder worin besteht Ihre Forderung?

Bergmann: Ich würde sagen, dass erstmal zur Kenntnis zu nehmen ist, dass die Kultur nicht stillsteht, sondern gerade ganz aktiv versucht, den Herausforderungen in dem freiproduzierenden Feld der Künste gerecht zu werden. Also die Orte, die nicht institutionell gebunden und getragen sind. Das geht von kleinen Puppenspiel-Theatern, von den Kinder- und Jugendtheatern aus, die vielleicht immer in Schulen, Kindergärten und Tagesstätten unterwegs waren und die es nun von einem auf den anderen Tag nicht mehr können und es auch außerhalb des Lockdowns gar nicht können, weil die Schulen natürlich zurecht gewisse Schutzmaßnahmen ergreifen. Das sind häufig Menschen, die nie von öffentlicher Förderung gelebt haben.

Wenn wir Sätze hören wie "die Extra-Wurst für die Kunst", die ich nicht hilfreich finde in dieser Diskussion, zum Beispiel aus Nordrhein-Westfalen - dann muss man sagen, dass wir ein sehr differenziertes Feld von Künsten vor uns haben, um die es zur Zeit geht und darum, diese zu sichern und zumindest in ihrem Bestand und ihrer Vielfältigkeit abzusichern.

rbbKultur: Inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die Zweifel anmelden, dass ein "Durchfüttern" der gesamten Kulturszene schlicht gar nicht möglich und nötig ist, um das kulturelle Leben in Deutschland vor dem Veröden zu bewahren. Wie beurteilen Sie die Bereitwilligkeit der Politik und überhaupt der Gesellschaft, Ihren Forderungen nach mehr Geld nachzukommen und genauer hinzuschauen?

Bergmann: Ich verstehe, dass man generell sagt, in unseren Kiezen geht es den Frisören, den Gastronomen, den Kleinunternehmern, dem eigenunternehmerisch geführten Einzelhandel auch an vielen Stellen durch die Einschränkungen nicht besonders. Und es geht hier sicherlich darum, keine exklusiven Förderansätze zu verfolgen. Aber schauen wir uns doch das Paket an. 130 Milliarden Euro sind bewegt worden für Wirtschaftshilfen und für Hilfen der digitalen Ausrüstung der Stabilisierung. Davon ist eine Milliarde in die Kunst- und Kulturlandschaft gegangen – in die ganze Vielfältigkeit der Kunst- und Kulturlandschaft. Es kann hier also wirklich nicht die Rede sein von einem sehr exklusiven Behandeln der Kunstlandschaft. Was gemacht wird, ist genau in ähnlichen Verhältnissen und Anteilen zur gesamtgesellschaftlichen Leistung hier auch eine Anerkennung und Sicherung zu versuchen.

rbbKultur: Machen Sie sich denn Sorgen, wenn die nordrhein-westfälische Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen davon spricht, Forderungen der Kultur nach Ausnahmen von Corona-bedingten Beschränkungen für Theater, Opernhäuser etc. mit soliden Hygienekonzepten seien "Extra-Würste"?

Bergmann: Ja, ich mache mir Sorgen. Wenn ich auf die institutionelle Theaterlandschaft schaue, deren erstes Ziel es ist – zumindest das von einigen Intendant*innen - nur die Bühne wieder bespielen zu können. Wir sollten sowohl von dieser als auch von der politischen Seite offener und ehrlicher sein. Es kann nicht sein, dass Herr Söder in einer Pressekonferenz sagt, die Gottesdienste öffnen wir, weil wir die Religionsfreiheit so wichtig finden. Finden wir dann die Kunstfreiheit nicht mehr so wichtig? Was ist das für eine Differenzierung, die da stattfindet?

Ich glaube, es würde wirklich darum gehen, hier klar zu sagen, wie unterschiedlich auch unsere Kultureinrichtungen sind. Wo kommen Tausende von Menschen zusammen, wo vielleicht 50 an einem Abend noch mit dem ausreichenden Abstand? Wo ist ein Museum tatsächlich in seiner Besucherfrequenz sicherer als jeder andere Ort? Jetzt kann man sagen, die treffen sich dann alle in der Tram, wenn sie zu den Museen fahren und diese Gefahr sollte begrenzt werden. Das ist sicherlich auch richtig und sehr verständlich. Aber wer jetzt zur Zeit mal einen Spaziergang über den Ku’damm oder den Alexanderplatz macht, wird auch feststellen, dass die großen Kaufzentren für eine ähnliche Verdichtung sorgen – oder sogar für mehr, als es die Museumsinsel tun würde.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur

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