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Corona-Krise - Einerseits, andererseits: Muß alle Kultur gerettet werden?

Viele Künstler klagen. Keine Auftritte, kein Geld, die Kultur steht Schlange in der Reihe der Bedürftigen. So ist es jedenfalls in der aktuellen Corona-Krise - wir berichten regelmäßig darüber. Inzwischen gibt es aber auch Kritik an zu viel Anspruchshaltung. Klagen die Künstler zu laut? Oder zu leise? Sollte sich die Kultur angesichts der riesigen ökonomischen, sozialen und gesundheitspolitischen Probleme vielleicht in Zurückhaltung und Bescheidenheit üben?
 
Ein Kommentar von André Bochow.

Herbert Grönemeyer fordert Millionäre zum Spenden auf. Und die Kulturstaatsministerin findet das auch gut. Ha, da ist sie doch die Lösung! Die Reichen schließen sich zu einem Mäzenaten-Kollektiv zusammen oder fördern Kunst und Kultur individuell, nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen aber zum allgemeinen Nutzen – da ist sie doch, die Corona-Kultur-Lösung – oder besser: Erlösung. Außerdem gibt ja auch der Staat den Kulturschaffenden – in unterschiedlichem Maße, dem einen zu viel, dem anderen zu wenig, dem nächsten nichts – aber das war auch vor Corona so. Sogar Betteln für die Kultur gehört zum Programm, siehe Monika Grütters und die Millionäre – und da wäre doch mal ein freudiges Dankeschön seitens der Kulturschaffenden angebracht.

Gut, die Kultur steht nicht an allererster Stelle. Und die Phase der Kreativität, mit Opernarien vom heimischen Balkon und Online-Theateraufführungen ist auch nicht ewig dehnbar. Nur hat sich ja, laut Grütters, die Politik Corona nicht ausgedacht und immerhin geht es um Menschenleben. Andererseits: Was ist das für ein Leben, wenn Kinos, Konzertsäle, Opernhäuser, Theater und Klubs geschlossen sind? Wenn es weder Festivals noch Lesungen gibt? Genau: Es ist ein Leben, in dem etwas ganz Entscheidendes fehlt. Und da nun einmal unser Kulturbetrieb auch diejenigen ernähren muss, die ihn ihm arbeiten, kann man den Politikern, die unser Geld verwalten, gar nicht laut genug sagen: Helft den Künstlern, den Solo-Selbständigen im Veranstaltungsgewerbe, rettet die Kultur über die Zeit.

Denn wir alle, oder zumindest sehr viele von uns, lechzen nach ihr. Und wir alle wissen, dass eine Kultureinrichtung schnell in den finanziellen Orkus fährt, aber wahrscheinlich nie wieder aus ihm herauskommt. Und ganz sicher darf man die Rettung nicht den Millionären überlassen. Wenn das funktionieren würde, wäre es auch leichter, die Umwelt zu retten, die Mieten nicht explodieren zu lassen und das Land mit Bildung auf höchstem Niveau zu versorgen.

Das Gute an dieser Krise ist, dass das Verständnis für die Bedeutung von Kunst und Kultur wächst. Das Schlechte: Wir könnten schlimme Verluste erleiden. Deswegen: Künstler und Freunde der Kunst: Protestiert, schreit oder jammert. Die Lage ist ernst und nichts ist peinlich.

Ein Kommentar von André Bochow, rbbKultur