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Gott von Ferdinand von Schirach | Bild: © ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Recht auf selbstbestimmtes Sterben - "Gott" von Ferdinand von Schirach im Ersten

Unter welchen Umständen darf man einem Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? Muss der Staat selbstbestimmtes Sterben ermöglichen? Diesem Streitthema widmet sich der Fernsehfilm "Gott" nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Ausgangspunkt ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenem Februar, das das "Recht auf selbstbestimmtes Sterben" garantiert.
 
Wir sprechen mit Ulrich Matthes, der einen theologischen Sachverständigen im Film verkörpert.

rbbKultur: Herr Matthes, die Macher des Films "Gott" sprechen von einer großen Herausforderung für die Schauspieler*innen. Worin bestand die Herausforderung für Sie persönlich?

Matthes: Das Thema ist ein existenzielles. Es geht um die existenziellste Frage überhaupt: Wie möchte ich sterben? Die Frage nach selbstbestimmtem Suizid ist eine, die Ferdinand von Schirach in diese Form gegossen hat. Es ist eine Möglichkeit für einen Menschen - in diesem Fall für einen Schauspieler - mithilfe einer Figur, die man zu spielen hat, darüber nachzudenken, wie man selber damit umgehen würde. Insofern war die Vorbereitung, das Nachdenken darüber, eine besondere Zeit. Das ist das Herausfordernde an der Rolle gewesen.

Rein handwerklich war es ein Problem, dass wir in ganz langen Blöcken aufgezeichnet haben. Wir mussten sehr viel Text auswendig lernen. Das ist aber nur ein kleiner Nebenaspekt. Der Hauptaspekt ist das Existenzielle des Themas.

rbbKultur: Das Bundesverfassungsgericht hat die rechtliche Freiheit der Menschen, sich das Leben zu nehmen, bekräftigt und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Im Film werden die unterschiedlichen Positionen dazu diskutiert und die Person, die Sie spielen – der theologische Sachverständige Bischof Thiel – vertritt logischerweise eine ganz klare Gegenposition. Wie schlüssig ist seine Sichtweise für Sie persönlich?

Matthes: Ich respektiere diese Position, auch wenn sie nicht meine ist. Das ist eine ganz klar aus seiner Religion in sich schlüssig argumentierte Position. Ich selber habe eine vollkommen andere. Als das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar fiel - direkt in den Dreharbeiten, war das für uns alle überraschend. Es mussten daraufhin einige Passagen umgeschrieben werden. Ich habe spontan im Sinne der Selbstbestimmung des Menschen dieses Urteil erstmal begrüßt.

Dann schließen sich aber auch bei mir sofort ganz konkrete Fragen an: Wie weit muss jetzt ein Gesetzgeber damit umgehen? Gilt das Urteil nur bei schweren Krankheiten? Ich spitze es mal zu: Was ist mit dem Liebeskummer eines 20-Jährigen, der für sich selber sagt, er leide existenziell und möchte die Sterbehilfe in Anspruch nehmen? Hat er die Möglichkeit, sich einen Arzt zu nehmen, der ihn dabei unterstützt?

Wie weit geht dieses Urteil? Was kann es der Gesetzgeber relativieren, um solche Fälle auszuschließen? Es ist ein irre kompliziertes Urteil. Dass ich eine andere Meinung habe als die Figur, die ich spiele, hat mich nicht daran gehindert, dieser Figur trotzdem Respekt angedeihen zu lassen.

rbbKultur: Haben Sie denn auch mit den anderen Schauspieler*innen während der Dreharbeiten über das Urteil diskutiert?

Matthes: Natürlich. Am Drehort haben wir ständig darüber gesprochen - und es waren eigentlich alle erstmal pro Bundesverfassungsgericht. Alle haben das Urteil spontan begrüßt. Doch als man anfing, darüber nachzudenken, kamen schon die ersten Fragen: Was sind die konkreten Nebenwege, damit der Gesetzgeben nicht jedem die Tür öffnet, der sich in einer für ihn selber existenziell bedrückenden Situation - unabhängig von schwerer Krankheit – befindet? Es kann ja auch eine Art von ökonomischer Situation sein. Wie verhindert man als Gesetzgeber, wenn zum Beispiel ein alter Mensch der Meinung ist, allen nur zur Last zu fallen und es besser wäre, sein Leben zu beenden und sich einen Arzt zu suchen?

Über dieses Hin und Her haben wir sehr ausführlich, nachdenklich und zum Teil auch aufgeregt miteinander diskutiert. Ich hoffe, dass das Fernsehspiel auch die Menschen zu solch angeregten Diskussion führen wird.

rbbKultur: Am Ende des Fernsehspiels soll heute Abend das Publikum darüber abstimmen, ob der Figur des Herrn Gärtner die Beihilfe zum Suizid gewährt werden soll oder nicht. Wie finden Sie das?

Matthes: Ich finde es okay. Ich glaube, dass das Thema des selbstbestimmten Suizids doch ein zu existenzielles ist, als dass man mal eben die Taste Eins oder Zwei drückt. Ich glaube, dass es grundsätzlich hochinteressant ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das schnelle Urteil fällt bei diesem Thema zu knapp und zu schnell. Ich hätte darauf verzichten können. Dass diskutiert wird, finde ich gut - anzurufen oder eine Taste zu drücken ist nicht so my cup of tea.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur

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Ferdinand von Schirach ist nicht nur berühmt für seine juristische Kompetenz, die er in Romanen und Theaterstücken zum Ausdruck bringt, sondern auch für seine moralischen Gedankenspiele. In seinem Stück "Terror" mussten die Zuschauer entscheiden, wer überlebt. In "Gott" steht nun die Frage im Raum, ob Sterbehilfe nicht nur juristisch, sondern auch moralisch richtig ist.

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