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Ein schillernder Begriff - Was ist eigentlich "die gespaltene Gesellschaft"?

In den USA ist die Gesellschaft gespalten: Das hat man anlässlich der Präsidentschafts-Wahlen immer und immer wieder gehört. Aber auch mit Blick auf Deutschland ist von zunehmender Spaltung die Rede – in Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, in Kosmopoliten und Heimatverbundene, in Globalisierungsgewinner und -verlierer, in Bürger mit kulturellem Kapital und Bürger ohne.

Aber ist das wirklich eine fundamentale Spaltung? Und was wäre das Gegenteil von 'Spaltung'? Arno Orzessek über einen schillernden Begriff.

Eines vorweg: es gibt keinen absoluten Maßstab dafür, wann die Unterschiede in einer Gesellschaft so groß sind, dass man von Spaltung reden muss.

Wer die Bundesrepublik als pluralistisches, liberales und marktwirtschaftlich orientiertes Land mit Religions- und Meinungsfreiheit schätzt, wird angesichts von 83 Millionen Bürgern nichts anderes erwarten als sehr verschiedene Lebenssituationen, politische Einstellungen und Werturteile.

Doch zweifellos gibt es Menschen, die viel weniger von den Vorzügen dieses Landes profitieren als andere. Es gibt den Niedriglohnsektor und das Dienstleistungsprekariat; es gibt ungebildete Menschen und Menschen ohne echte Bildungschancen; manche haben vom sogenannten kulturellen Kapital so gut wie nichts abgekommen.

Und nicht wenige von ihnen würden sagen: Einigkeit und Recht und Freiheit, Solidarität und Gleichheit – schön und gut. Aber wenn du lebenslänglich um die nächste Miete kämpfen musst, sind das leere Worte.

Doch beweist das, dass wir in einer gespaltenen Gesellschaft leben?

Ja und nein! Gefährlich gespalten wäre unsere Gesellschaft dann, wenn Menschen der herrschenden Ordnung alias dem Gesellschaftssystem ihre Zustimmung grundsätzlich aufkündigen, oder anders: wenn sie aufhören, sich als Teil des Ganzen zu sehen.

In welchem Maße das der Fall ist, darüber streiten Soziologen und Publizisten. Wer 'Spaltung' für einen linken Kampfbegriff hält, wird die unstrittig beträchtlichen Leistungen des Sozialstaats als Beleg für handfeste Solidarität heranziehen.

Wer die gewaltig geöffnete Schere zwischen arm und reich, zwischen Profiteuren und Abgehängten für skandalös hält, wird umso heftiger auf 'Spaltung' bestehen.

Allerdings gibt es keinen simplen Gegenbegriff zur 'gespaltenen Gesellschaft', an dem man sich als Ideal verlässlich orientieren könnte. Rein ökonomisch gesehen, käme am ehesten so etwas wie 'demokratischer Sozialismus' in Frage.

Nur sind auch viele ökonomische Unterschiede aufs engste mit Unterschieden in puncto Bildung, kultureller Kompetenz, Lebenssituation, Wohnort et cetera verbunden. Und diese wiederum sind eine typische Eigenschaft freiheitlich-pluralistischer Gesellschaften.

Soll heißen: Viele Unterschiede alias Spaltungsphänomene ließen sich nur durch mehr oder weniger radikale Angleichung aller Lebensläufe und Lebensweisen ausmerzen.

Die historischen Erfahrungen mit solchen von oben herab diktierten homogenen Gesellschaften - ob linker oder rechter Strickart - sollten allerdings zu größter Vorsicht mahnen.

Eine stabile Mehrheit in Deutschland scheint kein Interesse an Homogenisierungs-Experimenten zu haben. Was sie umgekehrt nicht von der Aufgabe entbindet, zwischen 'Unterschied' und 'Spaltung' zu unterscheiden: Unterschiede sind unumgänglich, Spaltung aber gefährdet das Ganze.

Arno Orzessek, rbbKultur