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Rassismusvorwürfe beim Staatsballett - "Ab jetzt wirst Du Dich in Schwanensee weiß schminken"

Chloé Lopes Gomes ist die erste dunkelhäutige Ballerina am Berliner Staatsballett. Nun erhebt sie Rassismus-Vorwürfe. Was genau ist der Tänzerin widerfahren? Handelt es sich um einen Einzelfall? Oder ist Rassismus im Tanz möglicherweise ein strukturelles Problem? Antje Bonhage berichtet.

Zunächst schien alles vielversprechend. Chloé Lopes Gomes war überglücklich, als sie im Januar 2018 zum Vortanzen ans Staatsballett Berlin eingeladen wurde. Berlin erschien ihr weltoffen, eine tolle Stadt zum Leben, viel Multikulti. Tänzerin an der größten Ballettkompanie Deutschlands zu sein: ein Traum! Doch es dauerte nicht lange und die Freude war getrübt.

Am Tag nach ihrer Audition rief sie eine Kollegin vom Staatsballett an: "Chloé, ich bin nicht sicher, ob Du den Vertrag kriegst. Die Ballettmeisterin macht Stimmung gegen Dich: Eine Schwarze in einer Ballettkompanie, das sei nicht ästhetisch", sagte Lopes Gomes dem rbb.

Lopes Gomes musste sich für "Schwanensee" weiß schminken

Dennoch bekam Lopes Gomes vom damaligen Intendanten Johannes Öhmann den Vertrag. Wiederholt allerdings fühlte sich die Tänzerin von der Ballettmeisterin diskriminiert. Einmal teilte die bei einer Probe zu "La Bayadère" weiße Schleier aus. Nur Chloé, als Einzige, bekam keinen. "Denn", so die Trainerin lachend: "Du bist schwarz".

"Und als Öhmann weg war, kam die Ballettmeisterin zu mir und sagte: 'Ab jetzt wirst Du Dich in Schwanensee weiß schminken'", schildert die Ballerina ihre Erfahrungen. Die Interimsintendantin des Berliner Staatsballetts Christiane Theobald habe Chloé Lopes Gomes als Weiße geschminkt gesehen. Warum sie weiß sei, habe sie Lopes Gomez gefragt. "Die Ballettmeisterin hat es von mir verlangt", antwortete die Ballerina.

Laut Gomes soll sich der Vorfall im März dieses Jahres ereignet haben. Theobald war zu dem Zeitpunkt noch Vize-Intendantin. "Doch sie hat nichts unternommen. Sie hat mich mit der Ballettmeisterin allein gelassen", erklärt Lopes Gomez.

Intendantin streitet Vorfall ab

Theobald streitet das ab. "Der Vorfall ist mir so überhaupt nicht bekannt. Den hat es auch so gar nicht gegeben", sagte sie dem rbb. Dennoch weist die Interimsintendantin die Rassismus-Vorwürfe gegen ihr Haus nicht komplett von der Hand: "Ich glaube, dass es hier Alltagsdiskriminierung genauso gibt wie in der Gesellschaft draußen und wir uns alle auch selber fragen müssen und sensibilisieren müssen: Sind wir in unseren Verhaltensweisen bewusst genug, dass es keine Diskriminierung gibt? Und all das müssen wir jetzt angehen."

Rassistische Diskriminierungen im Tanzmilieu sind jedoch längst kein Einzelfall. Erst kürzlich schrieben Mitglieder der Pariser Oper ein Manifest gegen rassistische Praktiken. Es sei ein strukturelles Problem, glaubt auch Chloé Lopes Gomes. Dass es kaum schwarze Balletttänzerinnen und -tänzer in den Kompanien gibt, das allein sage schon etwas aus.

Niemand traue sich etwas zu sagen

Bei Missständen sitze man als Tänzerin oder Tänzer aufgrund der hierarchischen Strukturen allerdings stets am kürzeren Hebel. Der Druck sei enorm, niemand traue sich, etwas zu sagen. Auch sie habe große Angst gehabt, so Lopes Gomes. Erst jetzt, seit klar ist, dass ihr Vertrag beim Staatsballett nicht verlängert wird, habe sie den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt.

Sie weiter zu beschäftigen könnte ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Christiane Theobald will stattdessen andere Maßnahmen anstoßen. Aufklärung, Sensibilisierung, Schutzmaßnahmen und dann am Ende eines längeren Prozesses ein "Code of Conduct": "Ich bin auch jemand, der sehr eine Verfechterin ist, jährliche Weiterbildung für Ballettmeister einzufordern", sagte die Intendantin. Das sei ein wichtiger und richtiger Schritt. "Und ich finde, die Debatte um historische Aufführungspraxis und Repertoire-Fragen, die soll man auch mal lostreten."

Antje Bonhage, rbbKultur

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