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25. November - Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Jeden Tag versucht irgendwo in Deutschland ein Mann, seine Partnerin oder Expartnerin umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es. Diese Zahlen werden in der Kriminalstatistik erst seit kurzem gesondert ausgewiesen. Seitdem ist es schwerer geworden, das Thema beiseite zu schieben. Am 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Fahnen werden gehisst, Mahnreden gehalten. Heide Oestreich überlegt, warum das alles offenbar nicht hilft.

Die Zahlen sind schlecht wie immer, die Tendenz zum Prügeln steigt sogar. Wegen des Corona-Stresses sagt man. Und was machen wir: Wir hissen heute bunte Fahnen auf Rathausdächern.

Sind wir wirklich so hilflos gegen dieses Phänomen, dass uns außer Plakatkampagnen, Fahnen hissen und Brötchentüten bedrucken - nichts einfällt? Nicht, dass ich etwas gegen niedrigschwellige Angebote hätte. Wer weiß, ob einer verprügelten Frau die Telefonnummer der Beratungshotline vielleicht wirklich zum ersten Mal beim Sonntagsfrühstück oder auf dem U-Bahn-Plakat über den Weg läuft. Aber: ich kann mir nicht helfen, Fahnen hissen gegen Gewalt, bei der grassierenden Denk- und Handlungsstarre, die wir sonst auf diesem Gebiet haben, das finde ich einfach grotesk. Wir sind gegen Gewalt. Dolle Sache.

Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zeigt im Rahmen der Initiative «Stärker als Gewalt» in den Wilmersdorfer Arcaden ihren Kassenzettel mit dem Aufdruck eines Hilfeangebots. Deutschlandweit sollen in 15 Einkaufszentren Infoflächen zur Verfügung stehen, um über Gewalt gegen Frauen aufzuklären und Hilfeangebote für Betroffene bekannt zu machen; © dpa/Britta Pedersen
Franziska Giffey zeigt im Rahmen der Initiative "Stärker als Gewalt" in den Wilmersdorfer Arcaden ihren Kassenzettel mit dem Aufdruck eines Hilfeangebots. Deutschlandweit sollen in 15 Einkaufszentren Infoflächen zur Verfügung stehen, um über Gewalt gegen Frauen aufzuklären und Hilfeangebote für Betroffene bekannt zu machen. | Bild: dpa/Britta Pedersen

Seit Jahren weiß man, dass die Frauenhäuser so schlecht ausgestattet sind, dass sie fast die Hälfte der Schutzsuchenden nicht aufnehmen können. Noch viel unverständlicher ist, wie wir mit den Urhebern der Gewalt umgehen. Sollte eine Gesellschaft nicht alles daransetzen, dass sie lernen, mit Druck und Stress anders umzugehen? Und ihren Frust und ihr unerfülltes Leben nicht einfach an der nächstbesten Person auszulassen?

Aber dass solche Männer mal wenigstens ein Antigewalttraining verordnet bekommen, ist die Ausnahme und nicht die Regel. Es gibt auch kaum Anlaufstellen für sie. Warum? Wenn wir doch so sehr gegen Gewalt sind, dass wir es uns im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fahnen schreiben?

Die einzige Erklärung, die mir einfällt: Dass Männer unter Stress gewalttätig werden können, halten wir offenbar immer noch für ein Naturgesetz. Heute ist eine Generation an der Macht, in der viele Menschen Gewalt noch aus der eigenen Kindheit kennen. Und da hieß es: Kopf einziehen, Luft anhalten – und bloß nicht drüber reden.

Dass jemand dem Papa oder der Mama beibringen könnte, nicht mehr zu schlagen und so zu brüllen – das war überhaupt nicht vorstellbar. Die Macht der Eltern, und oft genug war oder ist es noch die patriarchale Macht des Vaters, ist total. Dass auch dieser Papa lernen könnte, mit Druck anders umzugehen, sich verändern könnte, das ist alles in unserem sehr starren Männlichkeitsbild einfach sehr schwer zu denken.

Der lange Schatten dieses Männlichkeits-Monuments liegt auf unserer halbgaren Antigewaltpolitik. Würden wir uns davon befreien, dann wette ich: Wir würden ganz andere Dinge tun als Fahnen hissen.

Heide Oestreich, rbbKultur

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