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Bild: Gregor Baron

Weiterer Teil-Lockdown für die Kultur - "Die Kreativität ist hoch, aber die Existenzängste sind groß"

Zurzeit ist völlig unklar, wann Kultur- und Freizeiteinrichtungen wieder öffnen dürfen. Die Schließungen sind zunächst bis 20. Dezember verlängert, doch Kultursenator Lederer erwartet, dass mit einem normalen Kulturbetrieb nicht vor dem Frühjahr zu rechnen ist. Er ziehe vor der freien Kulturszene seinen Hut, sagte Lederer im Gespräch.

rbbKultur: Herr Lederer, auch im Dezember bleiben die Kultureinrichtungen geschlossen, so viel steht fest. Wie sehen Ihre Unterstützungsmaßnahmen aus?

Lederer: Die November- und Dezember-Hilfen richten sich im Grunde an Unternehmen und werden vom Bund gewährt. Der Bund ist jetzt gefordert, diese möglichst schnell bereitzustellen. Aber wir haben natürlich unsere eigenen Hilfsmaßnahmen.

Die öffentlichen Kultureinrichtungen, die privaten Kulturbetriebe hier in Berlin, werden von uns mit speziellen Programmen unterstützt. Wir haben uns von Anfang an in unserem Senat sehr, sehr schnell darauf geeinigt, dass wir das so lange wie es nötig ist machen - also auch bei dem offenen Ende einer Pandemie, wo wir nicht wissen, wie das Virus sich entwickelt. Wir werden nicht zwischendurch sagen, dass wir leider kein Geld mehr haben und es nicht mehr geht, sondern es bis zum Ende durchziehen. Und es wird, wenn ein Ende der Pandemie absehbar ist und die Betriebe wieder sichtlich hochfahren können, dann auch nochmal eine Anschubfinanzierung geben müssen - vor allem für die privaten Kulturbetriebe. Anders geht das gar nicht.

rbbKultur: Wir haben gestern mit Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung gesprochen. Er war froh, weil nun auch ausdrücklich Kunstfreiheit und Grundrechtsschutz erwähnt werden: Jetzt seien die Kulturminister verantwortlich dafür, Öffnungsstrategien und Planungsvorläufe ab Januar - wenn die Infektionszahlen es zulassen - zu ermöglichen. Das liegt jetzt also auch in Ihrer Verantwortung. Wie stellen Sie sich konkret die nächsten drei Monate vor?

Lederer: Gerald Mertens hat Recht. Es war ein harter Kampf - insbesondere dem Bund deutlich zu machen, dass Kultur in der Verfassung steht. Man denkt, der Bund wisse das, aber das stimmt offenbar nicht. Es musste ihm nachdrücklich klargemacht werden.

In der Tat haben wir jetzt die Möglichkeit, dem Infektionsgeschehen gemäß Öffnungsszenarien zu machen. Jetzt weiß man natürlich trotzdem nicht, wie sich die Pandemie entwickelt und wir sind hier in Berlin ganz oben bei den Inzidenzzahlen, die Intensivkapazitäten sind ziemlich am Limit. Die Leute in den Krankenhäusern machen gerade einen Marathon. Das muss ich natürlich im Blick haben und das muss auch die Kultur im Blick haben.

Aber ich habe seit März immer wieder regelmäßig mit unseren Einrichtungen gemeinsam solche Szenarien entwickelt. Es lässt sich zumindest abstrakt sagen, dass Museen, Gedenkstätten und Galerien zu den ersten gehören werden, die öffnen. Wir sind uns auch einig, dass Angebote für Kinder und Jugendliche ebenfalls am Anfang stehen sollen.

Es gibt auch andere denkbare Szenarien. Die Belüftungssituation in den Häusern ist sehr unterschiedlich. Dort, wo die Belüftungssituation gut ist, wird man eher an den Start gehen können. Manche Einrichtungen denken auch darüber nach, vielleicht erstmal nur eine Bühne wieder aufzumachen. Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne am Lehniner Platz, hat sogar den Vorschlag gemacht, jetzt länger zu schließen und dafür im Sommer ein bisschen mehr zu spielen.

Ich habe heute viele Telefonschalten, da werden wir über diese Dinge reden. Aber es gibt noch etwas anderes mit einem bisschen Licht. Inzwischen ist natürlich auch die Teststrategieentwicklung weiter und ich habe durchaus die Hoffnung, dass wir im ersten bzw. zweiten Quartal nächsten Jahres auch Schnelltests haben, die uns bei den Öffnungsstrategien in den Kultureinrichtungen helfen, sodass wir nicht immer wieder in der Situation sind, alles zu schließen, wenn die Zahlen wieder hochgehen.

Aber ich gebe ganz offen zu, dass wir alle - die Einrichtungen, die Freie Szene und wir in der Kulturverwaltung - Lernende sind. Wir lassen uns gut beraten, können aber natürlich eines nicht - nämlich absehen, wie die Maßnahmen jetzt wirken und ob die Inzidenzzahlen tatsächlich nachhaltig zurückgehen.

rbbKultur: Von so mancher Seite heißt es auch, dass die Kulturschaffenden selbst etwas kreativer werden könnten. Was denken Sie wäre angemessen? Was könnte von der Kultur kommen?

Lederer: Die Kreativität der Kulturschaffenden ist ungebrochenen und unglaublich hoch. Die Existenzängste sind groß - da muss bei den Solo-Selbständigen noch was passieren. Den Druck machen wir jetzt auch schon seit Mai. Ich erlebe, dass sich in jeder Einrichtung Leute zusammensetzen und überlegen, was man machen kann. Das sind Streaming-Angebote, das sind zum Teil Angebote, die sich dann - wo ich auch gerne hin möchte – vielleicht speziell an die ja durchaus auch gebeutelten Schulen und Kitas richten. Über diese Dinge werden wir auch zu sprechen haben. Dann wird es möglicherweise kleine, vorsichtige, aber sehr symbolisch wichtige Öffnungsschritte geben. Vor mir liegt heute einen Tag mit ganz vielen Telefonschalten und Videokonferenzen und da werden wir genau solche Dinge miteinander besprechen.

Und: Vor der Freien Szene verneige ich mich, da ziehe ich meinen Hut. Da ist es ja schon dauerhaft prekär, in der Pandemie merkt man das aber noch einmal mehr. Dass dort der Lebensmut noch da ist, das ist etwas, das auch mir Kraft und Mut macht.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur