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Zeit für ein gemeinsames Zeichen - "Aktion Sendepause – Ohne Kunst & Kultur ist's still"


"Ohne uns wird's still" – dieser Satz ist auf immer mehr Profilbildern von Kunst- und Kulturschaffenden in sozialen Netzwerken zu lesen. Und das nicht ohne Grund: Die Corona-Pandemie sorgt für tiefe finanzielle Einschnitte.

Für die Betroffenen ist es daher nach monatelangen Verdienstausfällen an der Zeit, ein gemeinsames Zeichen zu setzen: "#AlarmstufeRot – Aktion Sendepause!".

Ein Gespräch mit Dirk Wöhler vom Bündnis "#AlarmstufeRot".

rbbKultur: Herr Wöhler, bei Ihrer Aktion "Sendepause" heute beteiligen sich viele Rundfunk- und Fernsehsender. Das macht hoffentlich noch einmal aufmerksam auf die wirklich bedrohliche Situation der Veranstaltungsbrache. Was sind denn Ihre konkreten Forderungen?

Wöhler: Unsere Branche besteht nun mal aus vielen Solo-Selbstständigen - das sind die vielen Menschen, die hinter den Kulissen stehen, damit der Künstler/die Künstlerin auf der Bühne performen kann, damit wir im Radio zuhören, damit wir in einer guten Fernseh-Show keinen Kameramann oder Beleuchter sehen. Diese Menschen werden auf die Grundsicherung verwiesen. Und wir reden hier nicht von ein paar Wochen, wir sind im neunten Monat!

In neun Monaten bringt eine Frau ein neues Leben zur Welt und die Bundesregierung schafft es leider, eine Kultur-, Veranstaltungs- und Kunstbranche an den Abgrund zu bringen. Eigentlich ist schon "#AlarmstufeDunkelrot" bei der Perspektivlosigkeit in dieser dunklen Jahreszeit.

Ich bin stolz drauf, dass wir in unserer Branche alle Maßnahmen mittragen. Wir haben in Berlin demonstriert - mit Abstand, mit Maske. Wir haben der Welt gezeigt, dass wir eine der am besten ausgebildeten Branchen sind - mit Veranstaltungskaufleuten, Veranstaltungstechniker*innen und -meister*innen. Und wir sind auf gar keinen Fall gegen die Maßnahmen. Wir wissen, dass Menschen füreinander gefährlich sind, wir bleiben gerne zu Hause.

Im Sommer haben die Gastronomie, die Theater und die Kinos viel Geld investiert, um Abstände zu wahren und Regeln einhalten zu können. Wir als Branche haben eine zweite Welle vielleicht schon gesehen und uns drauf vorbereitet. Wir wissen, wie man sicher Veranstaltungen macht. Bei uns ist es so: Wenn ein Gast auf eine Party geht, gibt er am Anfang "seinen Verstand ab", geht feiert – und wir sorgen für seine Sicherheit. Egal, was er macht, wieviel er trinkt – wir sind für seine Sicherheit zuständig.

rbbKultur: Was wird an dem Aktionstag heute alles stattfinden?

Wöhler: Es gibt viele Radiosender, die sich mit uns solidarisieren und eine Sendepause zeigen. Das ist natürlich relativ schwierig, gerade im Fernsehen. Darüber sind wir uns bewusst. Aber es gibt so viele Menschen, die betroffen sind. Ein Künstler lebt oftmals von der "Hand in den Mund", er liebt das, was er tut. Auf der "#AlarmstufeRot"-Demo in Berlin habe ich auf der Bühne gesagt, dass mir die Liebe meines Lebens genommen wird. Ich liebe das, was ich tue. Mir persönlich würde nie einfallen zu sagen, ich muss noch drei Jahre und siebzehn Tage arbeiten, um in Rente zu gehen.

Menschen, die Kunst und Kultur machen, kann man nicht ans Band stellen und sie jeden Tag die gleiche Arbeit machen lassen.

rbbKultur: Die November-Hilfen für die Solo-Selbstständigen sollen ja nun ausgezahlt werden. Doch die Kuh ist damit wohl doch noch nicht vom Eis ...

Wöhler: Es wird viel gegengerechnet. Nach außen hin sieht das alles toll aus. Ein Beispiel: Als die November-Hilfe kommuniziert wurde, hieß es, man müsse als indirekt Betroffener – also als Künstler oder als Inhaber einer Eventagentur – 80 % seiner Umsatzeinbußen mit einem Direktbetroffenen machen. Das heißt, dass eine Gastronomie aufgrund der Verordnung schließen muss. Ich arbeite nun aber nicht für die Gastronomie, sondern für die Leute, die in dieser Gastronomie feiern. Die sind nicht von der Schließung betroffen und somit bekomme ich keine Hilfen. So war es ursprünglich. Oder wenn ich für einen Konzern eine Weihnachtsfeier ausrichte, der ganz normal weiterarbeitet und nicht von den Schließungen betroffen ist – dann würde ich keine Hilfen bekommen.

Wir als Bündnis "#AlarmstufeRot" haben bei der Politik den Horizont geöffnet. Das sind auch nur Menschen, die ihren Job machen, die ihren Job in den letzten Wochen auch gut gemacht haben. Aber es reicht halt immer noch nicht. Und unsere Branche ist ganz vielfältig, ganz bunt. Wir sind nicht ein Konzert, dem man eben mal Geld überweist und der damit dann gerettet ist. Wir sind ganz, ganz viele.

Die Parteien untereinander sagen, dass ein Unternehmerlohn nicht gezahlt werden kann, weil der nicht aus der Sozialkasse kommt. Wenn ich mich aber selber als Unternehmer mit Angestellten sehe: die sind in Kurzarbeit. Für meine Fixkosten kann ich Soforthilfe beantragen. Aber ich als Unternehmer, der seit 25 Jahren selbstständig ist und fleißig Steuern gezahlt hat, wird auf die Grundsicherung verwiesen. Für Unternehmer, die Menschen Arbeitsplätze geben, die Auszubildene beschäftigen, ist das schwierig. Ich muss meine Mitarbeiter motivieren – auch die in Kurzarbeit. Ich habe einen Mitarbeiter, der seit fünf Jahren bei mir beschäftigt war und nun die Branche verlassen hat. Viele Fachkräfte werden weggehen, weil die Menschen nach neun Monaten keine Perspektive mehr haben. Sie haben selber vielleicht eine Familie, ein Haus und einen Abtrag zu leisten.

Ich stocke bei meinen Mitarbeitern das Gehalt um 100 % auf. Ich bin dort, wo ich bin, weil ich gute Mitarbeiter habe. Das zahle ich aus meinem Ersparten. Ich bin 51 Jahre alt und sehe meine kleine heile Welt kaputtgehen.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur

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