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Prof. Antje Boetius | Bild: imago images/Steve Bauerschmidt

Auszeichnung für Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius - "Wir müssen unbedingt eine Haltung gewinnen dazu, wie es weitergeht mit uns und der Natur"

In diesem Jahr geht die Urania-Medaille, die die besondere Aufklärung und Vermittlung von Bildung an eine breite Öffentlichkeit auszeichnet, an die renommierte Klimaforscherin Prof. Dr. Antje Boetius. Damit würdigt die Berliner Urania das internationale Engagement von Antje Boetius für den Klima- und Umweltschutz sowie ihre interdisziplinär angelegte und anschauliche generationenübergreifende Vermittlung von Wissen.

rbbKultur: Frau Professor Boetius - herzlichen Glückwunsch zur Urania-Medaille!

Boetius: Vielen Dank!

rbbKultur: Sie bringen uns ferne Welten nahe in Ihrer Arbeit: das Polarmeer, die Tiefsee. Sie treten in Talkshows und in Kindersendungen auf. Wie kamen Sie eigentlich zu Ihrem Forschungsbereich der Meeresbiologie?

Boetius: Das hat sich schon als Kind ergeben. Ich war so fasziniert von dieser großen Frage: was gibt es für Leben auf der Erde? Wie funktionieren die Meere? Was ist dort zu entdecken?

Ich habe mich als Kind vollgestopft mit Lesematerial – ganz durcheinander: Jules Verne, Piraten-Romane, aber auch Sach-und Bilderbücher über die Ozeane und Entdecker-Bücher. Und das hat sich festgesetzt aus verschiedenen Impulsen, auch aus der eigenen Familie: der Großvater Kapitän usw. - dass ich auch mein Leben den Meeren widmen möchte.

rbbKultur: In Ihrer Diplomarbeit haben Sie sich dann mit Tiefseebakterien beschäftigt. Sie haben im Laufe Ihrer Arbeit untermeerische Gasquellen erforscht und sogenannte Methanfresser entdeckt. Und Sie haben vor allem an rund 40 Erkundungsexpeditionen teilgenommen, viele Monate auf Forschungsschiffen verbracht. Was begeistert Sie nach wie vor an Ihren Themengebieten?

Boetius: Mittlerweile sind es sogar schon fast 50 Expeditionen (lacht)! Was mich da begeistert, ist die Möglichkeit zu haben, als Mensch in Regionen zu sein, die nicht unsere normale Umwelt darstellen. Wir nennen sie extreme Lebensräume und wir machen uns aber oft gar nicht klar, dass sie den größten Teil der Erde darstellen.

Zum Beispiel ist die Tiefsee, wenn man das Volumen ausrechnet, der größte Lebensort der Erde für alles außer den Menschen sozusagen. Und die Polarregionen sind auch riesig, wenn man genau hinschaut.

Dann habe ich aber auch bei meinen Forschungen entdeckt, dass auch wenn sie so weit weg sind und uns so extrem erscheinen, wir als Menschen eben doch Fußabdrücke hinterlassen, sie verändern und dafür unbedingt eine Haltung gewinnen müssen zur Frage, wie es weitergeht mit uns und der Natur.

rbbKultur: In welchem Zustand befinden sich denn unsere Weltmeere? Was konnten Sie selbst dazu beobachten?

Boetius: Das hat ziemlich früh angefangen. Eigentlich gleich bei meiner zweiten Expedition, wo ich als Studentin mit der Aufgabe betraut wurde, Tiefseefänge auszuwerten - und dann war da Plastikmüll drin. Damals habe ich gedacht, wie man als Studentin nur so ein Pech haben kann? Andere haben einen tollen Tiefseefisch gezogen und ich ziehe mit meinem Netz nur Plastiktüten.

Damals war die Vermüllung der Meere noch gar kein Thema. Aber im Nachhinein ist es jetzt eben leider so, dass wenn wir in die Tiefsee tauchen, wir doch alle paar Hundert Meter schon irgendetwas finden, was hineingefallen ist ins Meer, vom Wind verweht, von den Küsten. Und leider ist das in großen, großen Mengen auch europäischer Müll, das kann man ja nachweisen, wenn man die Aufschriften liest oder wenn man eine Analyse der Zusammensetzung macht.

Das ist einfach traurig - ganz zu schweigen vom Klimawandel, der natürlich auch die Polarregionen und die Tiefsee betrifft, in dem durch die Erwärmung der Meere, die Erwärmung der Atmosphäre und dem Schmelzen vom Eis sich wirklich alles verändert. Darum muss es uns Menschen eben gehen: dass wir genau verstehen, wie sehr wir die Natur auch brauchen und wie wir mit ihr in Wechselwirkungen stehen.

rbbKultur: Sie setzen sich seit Jahren für eine deutliche Verschärfung des Klimaschutzes ein. Sie fordern eine schnelle Reduktion der CO2-Emission und eine CO2-Bepreisung. Wie optimistisch sind Sie, dass diese Forderungen dann auch in naher Zukunft umgesetzt werden?

Boetius: Es gibt ja doch viele Anzeichen dafür, dass wir uns bewegen. Nun haben wir eine Krise – und es fällt manchmal schwer, noch durchzusteigen und diesen Hoffnungsansatz zu entwickeln. Aber wenn man unterwegs ist und mit Bürgerinnen und Bürgern spricht, wenn man mit der Jugend spricht, wenn man hinschaut, wie viele Menschen im Kleinen wie im Großen doch angefangen haben, sich um ihre Umwelt, um die Natur zu kümmern und mitzumachen - dann kriegt man immer Hoffnung.

Und auch in der Politik durch den European Green Deal und andere Konstellationen bis hin zur Neuwahl des amerikanischen Präsidenten - das alles sind Dinge, die Hoffnung machen. Wir brauchen nicht nur Hoffnung, sondern wir brauchen eben auch Handlung. Und die muss tatsächlich sehr schnell gehen. Viel Zeit bleibt unserer Generation nicht, unsere Gesetze, unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft umzubauen. Aber die Chance haben wir auf jeden Fall. Deswegen muss die Hoffnung auch da sein.

rbbKultur: Gibt es etwas, das Sie auf Ihren Expeditionen erlebt haben, an das Sie sich besonders gerne erinnern?

Boetius: Das Besondere an meiner Forschung in der Tiefsee, also in den Regionen, wo keinerlei Licht mehr von der Oberfläche eindringt, ist eben genau dieses Abtauchen: sich selbst als Mensch zum Entdecker, zum Augenzeugen einer Welt zu machen, die uns insofern verschlossen bleibt, als dass wir die Tiere dort gar nicht nach oben holen können. Sie können die Oberfläche gar nicht ertragen.

Wenn man diese wahnwitzige Vielfalt und Schönheit des Tiefseeleben sehen und verstehen will, muss man wirklich zu ihnen abtauchen. Und deswegen ist das tollste Werkzeug für meine Forschung dieser Moment des Abtauchens, ins U-Boot steigen, ausgesetzt werden, mit einem Kran vom Schiff ins bewegte Meer. Dann ist man immer froh, wenn man die ersten Meter hinter sich gelassen hat und nicht mehr so durchgeschaukelt wird.

Und dann beginnt dieser Abstieg durch alle Farben von Blau, bis eben das letzte Licht schwindet und man in diese ewig schwarze Welt eindringt. Dort begegnet einem das Leben erstmal auf eine ganz wundervoll merkwürdige Weise: viele der Tiefseelebewesen haben selber Licht durch Kooperation mit Bakterien - man ist dann fast wie im All - es funkelt und glitzert und das Leben der Tiefsee macht Feuerwerke für einen, wenn man absteigt.

Dieses Absteigen jenseits von 500 Metern bis in die tiefsten Tiefen, die man mit dem Forschungs-U-Boot erreichen kann - also ein paar Tausend Meter - das ist etwas ganz Wundervolles. Wir wissen ja, dass weniger Menschen in der Tiefsee waren als im All – dann fühlt man sich eben tatsächlich nicht nur als neugierige Forscherin, sondern auch als Entdeckerin von Lebensformen, von Umwelten, die noch nie jemand zuvor gesehen hat, ganz besonders. Das ist eigentlich so der schönste Moment.

Oder sagen wir, ergänzt durch den Moment des Ablegens des Forschungsschiffs, das ist auch ein wundervoller Moment. Wenn man weiß, die Expedition geht los. Auf Expedition sein, unterwegs sein, Neues entdecken ist einfach das Größte. Deswegen ist Wissenschaftlerin/Wissenschaftler sein auch wirklich etwas Fantastisches.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur