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Doris Anselm liest "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - Lust und Frust mit Proust

"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist der längste und bedeutendste Roman der französischen Literatur: ein Zyklus aus sieben Bänden und mehreren tausend Seiten. Den zu vertonen - und anzuhören - ist ein echtes Mammutprojekt. Seit letzter Woche bringt rbbKultur alle 329 Folgen ins Radio und ins Netz. Und wir begleiten das mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert. Diese Woche entdeckt sie bei Proust, etwas respektlos, einen gewissen "Touristenblick", aber auch einen wundervollen Mini-Essay über das Lesen.

Folge 2: Wie Du an ein fremdes Innenleben andockst

Letzte Woche habe ich mit einer Spoiler-Warnung aufgehört; da kann ich diese Woche, um ganz im Jargon heutiger Kulturprodukte zu bleiben, auch gut mit einer Trigger-Warnung anfangen. Also, Achtung: Wer noch immer schwer traumatisiert davon ist, als Kind im Urlaub ständig Kirchen besichtigen gemusst zu haben – äh, gemusst zu haben? Besichtigt haben zu müssen?

Boah, ich hab eindeutig jetzt schon zuviel Proust gehört. Na egal, jedenfalls, wer nicht so sehr auf Kirchen steht, kann diese Woche zwischendurch mal ein ordentliches Stück Proustfilet auslassen. Denn dem kleinen Marcel geht es da ganz anders – er liebt sein Kirchlein von Combray. Heiß und innig. Und zwar vom "pockennarbigen Portal" über den Glockenturm bis hin zum "Grab der Söhne Ludwigs des Deutschen aus Porphyr und Kupfer mit Emailauflage".

Wobei ich derartige Reiseführerprosa dem kleinen Marcel irgendwie nicht abkaufe. Hier hat hundertpro der erwachsene Erzähler ein bisschen nachrecherchiert. Das macht den Abschnitt leider etwas zäh. Und ich glaube, fast hätte Proust das selbst gemerkt. Jedenfalls überkommen ihn nach einer weiteren Seite voll "anmutiger gotischer Arkaden" und "abgeblendeter Deckenbögen" ganz untypische Zweifel. Als er gerade dazu ansetzen will, auch noch die Apsis der Kirche ausführlich zu beschreiben, fragt er sich plötzlich (und überraschend knapp): "Kann man darüber etwas sagen?"

Klar, kann man, wie sich natürlich flugs herausstellt. Aber hätte man auch gemusst? Wer weiß.

Sehr spannend fand ich dagegen den kleinen Essay über das Romanlesen, den Proust etwas später einschiebt – obwohl dieser Essay in Form eines schweren Nebensatzgewitters über einen hereinbricht. Im Auge des Sturms geht es darum, was in uns passiert, wenn wir eine (in Klammern: gut geschriebene) Geschichte mit fühlenden Figuren lesen. Proust glaubt, einen realen anderen Menschen könnten wir zunächst immer nur über unsere Sinne wahrnehmen, also äußerlich. Zitat: "Große Partien an ihm bleiben undurchsichtig für uns und bilden eine Art toter Last, mit der unser Empfindungsleben nichts anzufangen weiß."

Dagegen sei die Technik eines Romans, "diese für die Seele undurchdringlichen Partien durch eine gleiche Menge immaterieller Teile zu ersetzen, das heißt solcher, die unsere Seele sich anverwandeln kann." Proust Ende.

Das würd ich unterschreiben. Ich hab am Lesen auch immer geliebt, dass ich das Gefühl haben durfte, direkt an die innere Stimme eines anderen Menschen anzudocken, so direkt, wie das im echten Leben wohl unmöglich ist. Wen es jetzt mal wieder juckt, die Kunstform Literatur höher zu hängen als Bildkünste wie Film und Fernsehen, findet hier also ein paar passende Argumente. Klar, der Blick einer Kamera ist auch immer zuerst ein Blick von außen. Ein Touristenblick. Was das aber nun über die Kirchenbeschreibung von vorhin aussagt? Wer weiß.

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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