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Nina Kunzendorf ("Charité - dritte Staffel") | Bild: picture alliance/dpa/ARD/Stanislav Honzik

Das Krankenhausleben damals - Zum Start der dritten Staffel "Charité"

In der ARD-Serie "Charité" steht das älteste Krankenhaus Berlins im Mittelpunkt. In der dritten Staffel geht es um das Krankenhausleben zur Zeit des Mauerbaus. Die Serie erzählt zwar fiktive Geschichten, aber um das medizinische Geschehen so korrekt wie möglich wiederzugeben, der Medizinhistoriker Thomas Schnalke als Berater engagiert. Er ist Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité - dem Museum zur Serie sozusagen. Auf rbbKultur berichtet er über das Krankenhausleben damals.

rbbKultur: Herr Schnalke, die dritte Staffel der ARD-Serie "Charité" spielt zur Zeit des Mauerbaus. Worum geht es sonst inhaltlich?

Schnalke: Es geht tatsächlich wie unter einem Uhrglas um die dramatischen Ereignisse rund um den Mauerbau. Aber die Frage ist, wie in diesen besonderen medizinischen Verhältnissen ärztliches Handeln möglich ist. Das wird im Rahmen von Krankengeschichten, rekonstruierten Fallgeschichten aber auch um historisch bezeugte Persönlichkeiten herum erzählt.

rbbKultur: Wie ist medizinisches Handeln zu der Zeit möglich?

Schnalke: Das war natürlich extrem schwierig. Mangelwirtschaft war ohnehin schon in den 50er-Jahren an der Tagesordnung. Außerdem das Fluchtgeschehen - zumal auch plötzlich, von einem Tag auf den anderen, die Grenze hochgezogen beziehungsweise die Mauer gebaut wird.

Die Charité liegt in Ost-Berlin am Grenzübergang Invalidenstraße, unmittelbar an der Sektorengrenze. Das Arbeiten dort ist also massiv beeinträchtigt. 166 Mediziner*innen, die Grenzgänger waren, in West-Berlin gewohnt und in der Charité gearbeitet haben, bleiben weg. Neun Professoren verlassen noch kurz vor Toresschluss die Charité. Das war schon eine sehr spezielle Situation.

rbbKultur: Was macht diesen Teil der DDR-Geschichte für Sie als Medizinhistoriker besonders spannend? Ich könnte mir vorstellen, in Ihrem Museum gibt es dazu auch einiges zu entdecken ...

Schnalke: Wir haben tatsächlich eine Strecke zur Geschichte der Charité – von 1710 bis an die Gegenwart heran und beleuchtet auch die spannende Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, während der DDR.

Spannend ist hier die Frage, wie sich die Charité von den Kriegsereignissen wieder erholen kann. Wie kann sie wieder mit Krankenversorgung, Lehre und Forschung anfangen? Und wie steht sie zum Zeitpunkt des Mauerbaus bzw. danach wieder da? Denn das Renommee ist nach wie vor hoch, die Ambition sind es auch. Die Charité spielt auch eine besondere Rolle im Gesundheitswesen der DDR. Was ist das eigentlich für eine Rolle?

rbbKultur: Auf welchem medizinischen Stand war man damals gerade? Welche medizinischen Errungenschaften, welche Problematiken standen zur Debatte?

Schnalke: Es gab durch den Zweiten Weltkrieg einen regelrechten Entwicklungsstau, der sich dann in einem Entwicklungsboom in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre entlädt. Zum Beispiel wird der Herzschrittmacher 1958 in Schweden entwickelt und dann gleich weltweit eingeführt.

Es ist auch eine Virus-Epidemie am Start - die Polio-Epidemie, Kinderlähmung. Das ist eine extreme Herausforderung - gerade für die beiden Deutschlands. Es gibt auch eine sehr eigene Ost-West-Geschichte, die in der ersten Folge von "Charité" hierzu erzählt wird.

rbbKultur: Während der Entstehung der Serie sind Sie dazu da, dass die Medizin historisch korrekt dargestellt wird. Die Filmemacher*innen haben dagegen natürlich auch den Anspruch, unterhalten zu wollen. Wie löst man solche Konflikte?

Schnalke: Es ist schon spannungsreich. Wir als Beratende haben die Drehbücher mehrfach gelesen und immer wieder auf die historische und gerade auch auf die medizinisch-fachliche Korrektheit hin geprüft und Kommentare gegeben. Ich denke, letztendlich ist das Ergebnis durchaus positiv.

Die Persönlichkeitsbilder, die von den historisch bezeugten Figuren gezeichnet werden, sind durchaus stimmig. Sie sind natürlich relativ eindimensional, weil sie nur eine bestimmte Zeit ins Auge fassen und keine Entwicklung zeigen. Aber sie eröffnen die Möglichkeit, durch ihre Stimmigkeit interessierte Nachfragen wahrzunehmen und sie dann in anderen Medien zu beantworten.

rbbKultur: Gibt es ein Beispiel in der dritten Staffel, wo Sie bzw. Ihre Kollegen beraten haben und daraufhin tatsächlich etwas geändert werden musste?

Schnalke: Etwas Grundsätzliches gab es nicht. Aber es gab ein paar medizinische Punkte, wo wir nachjustiert haben. Da geht es um medizinische Fragen: Ist das ist eine Magengeschwulst? Was ist ein Magengeschwür? Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Da ging es um das rein Fachliche.

Politisch-gesellschaftlich haben wir auch immer wieder darauf gedrungen, dass diese Dimension nicht hinten runterfällt, dass sie immer wieder ins Bild rückt. Denn daraus gewinnt die Serie auch ihre Spannung.

rbbKultur: Was bedeutet diese Serie für Sie als Medizinhistoriker und als Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité? Werden Sie vielleicht einiges in Ausstellungen einfließen lassen?

Schnalke: Wir greifen den Spielball tatsächlich auf. Wir erzählen im Rahmen einer Ausstellung zu Otto Prokop, die wir für den März entwickeln, das komplette Lebensbild dieser historischen Figur aus der "Charité"-Serie. Das heißt, wir stechen da nicht nur im Jahre 1961 ein und verbleiben dort, sondern wir zeigen ein komplettes Lebensbild und erzählen damit auch die weitergezogene Charité-Geschichte.

Das Gespräch führte Anja Herzog