Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #3 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 11 bis 15

Doris Anselm liest "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Freuen Sie sich auf Röntgenblicke und Familien-Marotten – und zum Runterspülen des Ganzen auf einen Schluck "Vichywasser".

Ein unverdientes Beefsteak

Warum Schriftsteller*innen gern mal aus Gruppe und Gesellschaft ausgeschlossen werden (oder sich selbst ins Abseits fabulieren), dafür gibt die aktuelle Proust-Woche uns jede Menge einleuchtender Erklärungen. Sie alle haben mit dem teils liebevoll-spöttischen, teils erbarmungslosen Röntgenblick zu tun, den der Ich-Erzähler durch das Fleisch seiner Familie und sämtlicher Bekannter bohrt.

Das macht beim Lesen oder Hören viel Spaß, aber man kann den armen Leuten nur wünschen, dass Marcel Proust sie als literarische Figuren wirklich ganz, ganz doll fiktionalisiert hat. Geradezu tödlich ist die Strahlendosis, die Tante Leonie sich einfängt.

Die Schwächlichkeit der Tante zieht der Erzähler am liebsten dadurch ins Lächerliche, dass er ihr komplexes Einnahmesystem aus Magen- und Abführmitteln schildert. Vergisst die Tante mal ein Präparat, lässt er sie sorgenvoll darüber nachdenken, "ob das so lange nach dem Vichywasser eingenomme Pepsin dieses noch erreichen und weiterbefördern werde".

Außerdem unterstellt er der Tante, sie würde den grausamen Tod der restlichen Familie billigend in Kauf nehmen, nur um in ihrem öden Leben ein paar interessante Tränen vergießen zu können. Da kann man nur hochrechnen, wie viele Menschenleben durch die Erfindung des Fernsehens gerettet wurden.

Ein bisschen weicher strahlt der Proust'sche Röntgenblick, wenn er die typischen Lebens-Rhythmen der Familie durchleuchtet. Man kennt sowas und es ist immer sehr niedlich zu sehen, wie Leute, die zusammenleben, auch gemeinsame Marotten ausbilden.

Vergisst etwa ein Familienmitglied, dass am Samstag immer eine Stunde früher zu Mittag gegessen wird als sonst, amüsieren sich die anderen so köstlich darüber, dass sie gar ans Bett von Tante Leonie eilen, um sie mit diesem Schwank zu unterhalten. Und ja, es muss tatsächlich schön sein, wenn einem beim ersten Hüngerchen am Samstagvormittag einfällt, dass man heute nicht noch eine Stunde warten muss aufs Mittagessen, sondern dass, O-Ton Proust "bereits in wenigen Sekunden [...] ein unverdientes Beefsteak" vor einem erscheinen wird. Lecker.

Das klingt jetzt so, als ob nicht viel passiert in den fünf Folgen diese Woche, aber weit gefehlt. Trommelwirbel: Der Ich-Erzähler verliebt sich. Bei der Gelegenheit, das muss ich fairerweise sagen, wird auch mal er selbst eiskalt durchleuchtet. Und dabei blitzt etwas auf, zu dem man in weniger genderbewussten Zeiten als heute wohl gesagt hätte: typisch Junge.

Da heißt es nämlich über die Angebetete: Ich fand sie so schön, "dass ich gern noch einmal umgekehrt wäre und ihr achselzuckend zugerufen hätte: 'Ich finde Dich häßlich, furchtbar komisch, und es graust mir vor dir!'"

Wow. Wenn das keine Liebe ist, dann weiß ich's auch nicht.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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