Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #4 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 16 bis 20

Doris Anselm liest "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Unsere Kolumnistin fremdelt mit dem Frauenbild des Erzählers.

Frauen sind Obst

Natürlich hatte ich damit gerechnet. Ich hatte mich drauf vorbereitet. Mir war völlig klar, dass ein Schriftsteller von vor hundert Jahren und ich so unsere Differenzen haben würden. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass das so krachend plötzlich losgehen würde und so unangenehm, als ob man auf einmal die ungebetene Hand eines älteren Kollegen auf dem Hintern hat.

Eben war noch alles ganz harmlos, der junge Erzähler allein auf einem Spaziergang, da fängt er plötzlich an, über den, Zitat "Gattungsbegriff Frau" zu reden.

Okay, wir haben es offiziell mit einem Teenager zu tun, aber auch dem wird sonst vom Autor allerlei Auskennerei in den Mund gelegt, was Flora und Fauna betrifft. Da sticht ein so deftiger biologischer Blödsinn schon ziemlich heraus. Und dummerweise ist solche Art Schmu eben auch heute noch das Lieblingsmanöver aller Sexisten, Rassisten und schlechter Comedians der Welt: Es diskriminiert sich leichter, nachdem man die Zielperson so weit wie möglich von sich selbst entfernt hat.

Am besten schiebt man sie gleich ab in eine andere Gattung. Unser junger Erzähler also träumt auf Wald und Wiese davon, "ein ländliches Mädchen auftauchen zu sehen, dass ich in meine Arme schließen könnte". Vielleicht eine junge Bäuerin oder Fischerin, aber das ist ihm egal, denn er betrachtet sie quasi als regionales Stück Obst. "Dies Mädchen, das ich immer nur von Laub bedeckt vor mir sah, war für mich selbst nur ein Gewächs der Gegend", sagt er, und zwar ein Gewächs, durch das man der "Essenz des Landes näher kommen konnte als auf irgendeinem anderen Weg".

Aha! Die unsympathisch zweckorientierte Konsumhaltung in Sachen Sex ist also doch nicht erst durch gewisse Online-Portale in die Welt gekommen. Leider zeigt der erwachsene, rückblickende Erzähler, der sich dann einschaltet, auch nicht mehr menschliche Reife als der Teenie. Obwohl er es behauptet. Ein erwachsener Mann, so erklär-onkelt er gönnerhaft, würde ja völlig anders denken über Sex. Und zwar "abstrahiere" er die Lust vom, Zitat: "Besitz der verschiedenen Frauen". Und die Frauen sind ihm, O-Ton Proust: "auswechselbare Instrumente der gleichen Wonnen".

Das tut richtig weh. Ich tröste mich damit, das Proust selbst Frauen überwiegend in Ruhe gelassen haben dürfte, weil er so offen schwul gelebt hat, wie das in seiner Zeit möglich war.

Interessanterweise erzählt er im Abschnitt dieser Woche auch von einer offenbar lesbischen jungen Frau. Seine Empathie gilt aber fast nur deren Vater, der unter der Schmach ihrer Sünden zugrunde geht. Dann kratzt noch Tante Leonie ab. Und nein, Proust bringt das auch nicht freundlicher rüber als ich.

Am Ende des letzten Hörkapitels stolpern wir dann noch etwas plötzlich in den nächsten Abschnitt des Romans, "Eine Liebe von Swann". Ein Glück. Denn damit lassen wir den toxischen Teenager fürs erste hinter uns. Jetzt geht’s ab nach Paris auf ein paar schicke Abendgesellschaften. Nicht weniger sexistisch, aber dabei wenigstens höchst geistreich.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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