Der Morgen; © rbbKultur
Bild: dpa/Odd Andersen

Restaurierte Thorarolle aus Bayern wird im Bundestag feierlich fertiggestellt - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Heute findet am Rande des zentralen Gedenkakts für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag ein historisches Ereignis statt. Eine frisch in Israel restaurierte historische Thorarolle aus Bayern wird im Andachtsraum des Parlaments feierlich fertiggestellt. Alle Verfassungsorgane, vom Bundespräsidenten bis zum obersten Verfassungsrichter, fungieren als Paten, wenn ein ritueller Schreiber (Sofer) nach altem Brauch die letzten zwölf Buchstaben aufträgt - mit Federkiel und Spezialtinte, von rechts nach links.

Seit 25 Jahren wird in einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. 1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, den 27. Januar, dafür bestimmt. In den vergangenen Jahren sprachen Überlebende wie Marcel Reich-Ranicki und Inge Deutschkron zu den Parlamentariern. Gastrednerin in diesem Jahr ist die Publizistin und Diplompsychologin Marina Weisband, die als Vertreterin der dritten Generation nach der Shoah spricht.

In diesem Jahr steht erstmals ein Dokument im Mittelpunkt, das auf seine Weise vom Überleben erzählt: eine über 200 Jahre alte Thorarolle, aufgewickelt auf zwei Holzstäbe. Aufgetaucht ist sie in der bayerischen Stadt Amberg in der Oberpfalz. Per Zufall - bei der Sichtung der rituellen Bestände seiner Kultusgemeinde – war Rabbiner Elias Dray darauf gestoßen. In der Inschrift stand, dass die Thorarolle aus Sulzbach aus dem Jahr 1793 war.

Der junge Rabbiner hatte sein Amt eben erst angetreten: "Ich hatte gleich Gänsehaut, denn ich hatte irgendwie das Gefühl, das muss etwas Besonderes sein, noch mehr hat sich das bestärkt, als ich mit dem Heimatpfleger in Kontakt getreten bin und er mir über die Geschichte dieser Thorarolle erzählt hat."

Das wertvolle Pergament stammt aus einer Gemeinde im benachbarten Sulzbach. Gleich zweimal war es nur knapp der Vernichtung entkommen: 1822 überstand die Thorarolle einen Stadtbrand, 1938 wurde sie vor der Vernichtung während des Novemberpogroms gerettet.

Die einst bedeutende Sulzbacher Kultusgemeinde hatte sich vier Jahre zuvor aus Mitgliedermangel aufgelöst und ihre wertvollen liturgischen Gegenstände der benachbarten Gemeinde in Amberg übergeben. Die Synagoge dort ist eng zwischen Häusern eingebaut, deswegen wurde sie im November 1938 nicht in Brand gesteckt, das Innere jedoch verwüstet.

Heimatpfleger Markus Lommer: "Der Amberger Religionslehrer hatte offenbar zuvor einen Wink bekommen, dass das bevorstand, hat einige Ritualgegenstände, darunter diese wertvolle Rolle, im Amberger Stadtmuseum verstecken lassen. Unter Absprache des dortigen Leiters, der dicht gehalten hat, bis der Krieg und die Nazizeit vorbei waren, und nach dem Krieg wurde diese Rolle 1946 der jüdischen Gemeinde in Amberg, die als erste in Bayern wiedergegründet wurde nach dem Krieg, übergeben."

Das wiederaufgefundene Pergament ist zugleich ein Beleg für die Bedeutung der Oberpfalz für jüdisches Leben in Deutschland. Hier entstand dank eines toleranten Fürsten um die Mitte des 17. Jahrhunderts eine florierende Gemeinde. In Sulzbach gab es ab 1684 eine der weltweit bedeutendsten hebräischen Buchdruckereien.

Markus Lommer: "Der Schwerpunkt der jüdischen Druckerei in Sulzbach lag bei der Herstellung von jüdischen Gebetbüchern für die breite Masse des israelitischen Volkes in Europa. Die Gebetbücher waren weit verbreitet bis dahin, dass es die Tradition gab, zur Bar Mitzwa eines jüdischen Jungen ihm einen 'Sulzbacher' zu schenken."

Einen solchen ledergebundenen "Sulzbacher" hat Rabbiner Elias Dray soeben für seine Gemeinde erwerben können. Und er hat sich entschlossen, die vergilbte historische Thorarolle in Israel restaurieren zu lassen. Finanzielle Unterstützung erhielt die kleine Amberger Gemeinde von der Staatsministerin für Kultur.

Bevor jedoch das Pergament wieder im Gottesdienst benutzt werden kann, muss ein Thoraschreiber die letzten zwölf Buchstaben hinzufügen, mit denen das 5. Buch Mose endet. Dieses Ritual wird am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag ein professioneller Schreiber vollziehen. Ganz bewusst hat Elias Dray seinen Rabbiner-Kollegen aus Kassel gebeten. Er stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und vertritt somit die größte Gruppe der deutschen Juden heute. Als Paten werden der Bundestagspräsident und Vertreter der übrigen Verfassungsorgane dabei sein.

Noch kann es Elias Dray kaum glauben: "Mein Großvater ist 1944 vom Zug nach Auschwitz gesprungen. Er hätte nicht geträumt, dass sein Enkel eine Thorarolle im Parlament in Deutschland einweihen würde ..."

Für den Amberger Rabbiner ist das Ritual Hoffnungszeichen und Symbol für eine neue Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland nach der Shoah.

Sigrid Hoff, rbbKultur

Im Programm

Im Netz