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- 90 Jahre Haus des Rundfunks (2): Der Architekt Hans Poelzig

Es war ein Paukenschlag in der noch jungen Rundfunkgeschichte der Zeit: vor 90 Jahren, Ende Januar 1931, wurde das Haus des Rundfunks feierlich eingeweiht. In unserer Reihe zum Jubiläum gehen wir den Spuren der Architektur und der wechselvollen Geschichte dieses Baus nach, der europaweit ohne Beispiel ist. Das Haus des Rundfunks zählt zum Spätwerk des Architekten Hans Poelzig. In der heutigen Folge skizziert Sigrid Hoff Leben und Werk des Baumeisters – u.a. mit persönlichen Eindrücken einem seiner Schüler.

Eine kräftige Gestalt mit breitem Schädel, das volle Haar in die Stirn gekämmt, runde Brille und Zigarre – so zeigen Fotos und Porträts den Architekten Hans Poelzig. Auf seine Mitmenschen wirkte der Baumeister wie ein Vulkan: temperamentvoll, als "übermenschlichen Schöpfer" charakterisierten ihn seine Verehrer, kraftgenialisch, gewaltsam beschrieben ihn Kritiker.

Der Architekturhistoriker Julius Posener hatte in den 1920er Jahren bei Poelzig an der heutigen TU Berlin studiert. Er erinnert sich an eine Anekdote: die Studenten sollten eine Dorfkirche entwerfen, Julius Posener zeichnete eine kleine Synagoge. In der Besprechung lobte Poelzig den Entwurf. In der nächsten Stunde fertigte der Student das Modell.

"Ton, nicht Pappe. Richtig das Ding kneten, ja. Dann kam Poelzig, achja, richtig, ja, das war gar nicht ganz schlecht, was Sie da gemacht haben! Und dann hat er dieses Ding, wie ich es entworfen habe, in 10 Minuten vernichtet. Da blieb nichts übrig. Und dann sagte er: Posener, jetzt gehen Sie runter und trinken ein Glas Bier. Besser zwei. Dann kommen Sie heute Nachmittag nicht wieder. Dann kommen Sie morgen auch nicht wieder, vielleicht übermorgen auch noch nicht. Dann fangen Sie vollkommen neu an. Großartig. Habe ich auch gemacht. Großartig, wunderbar."

Kraftvoll und expressiv - nicht selten gesteigert ins Gigantische

Geboren wurde Hans Poelzig 1869 in Berlin. Seine Ausbildung zum Architekten erhielt er an der Technischen Hochschule, heute die TU Berlin. In den folgenden Jahren arbeitete Hans Poelzig als Maler, Bühnenbildner und Filmarchitekt ebenso wie als Baumeister. Seine berufliche Laufbahn führte ihn nach Breslau, Dresden und schließlich wieder nach Berlin. Als Architekt ging er dabei stets seinen eigenen Weg: kraftvoll, expressiv in der Formensprache, nicht selten gesteigert ins Gigantische. Konsequent verwendete er die neuen Materialien Eisen und Stahl für die Konstruktion.

Hans-Dieter Nägelke, Leiter des Architekturmuseums in Berlin, das viele Entwürfe Poelzigs aufbewahrt, urteilt: "Poelzig war kein Bauhausmeister, er war sicher auch nicht das, was wir im klassischen Sinn als Modernisten bezeichnen würden, Poelzig selbst hat sich als 'so dazwischen' bezeichnet. Damit meinte er, dass er mit einem Fuß aus der traditionellen Architektur gekommen ist, aber zugleich jemand war, der das traditionelle Wissen immer wieder an die Aufgaben der Zeit anpassen wollte und konnte. Dabei auch zu aufregenden und exzeptionellen Lösungen gekommen ist."

Beruflicher Absturz mit Beginn des NS-Regimes

Mit dem Umbau des Großen Schauspielhauses an der Friedrichstraße in Berlin schuf Poelzig eine spektakuläre Innenarchitektur, die einer Tropfsteinhöhle glich. Er errichtete Kinobauten wie das noch erhaltene Kino Babylon in Berlin-Mitte, aber auch einen sachlichen Fabrikbau in Berlin-Spandau, der heute als Depot des Märkischen Museums dient. Die Fassade zeigt eine ähnlich dunkle Keramikverkleidung wie das Haus des Rundfunks. Poelzigs größter Privatauftrag der Weimarer Zeit war jedoch das Verwaltungsgebäude des Konzerns der IG Farben in Frankfurt, ein mit hellem Stein verkleideter hoher Stahlskelettbau.

Mit dem Beginn des NS-Regimes 1933 kam für Hans Poelzig der berufliche Absturz. Der Völkische Beobachter diffamierte ihn als "Baubolschewik", weil er als Gutachter an Wettbewerben der jungen Sowjetunion teilgenommen hatte. 1935 gewann er noch den Wettbewerb für ein Theaterprojekt in Istanbul. Doch Hans Poelzig emigrierte nicht. Sein Schüler Julius Posener, der als Jude Deutschland bereits verlassen hatte, stand weiter in brieflichem Kontakt mit seinem Lehrer. Er weiß: "Er war kurz in der Türkei, hat Wagner dort besucht, ist zurückgekommen, war entsetzt, hat gesagt, zu einem seiner letzten Schüler, Sie werden sehen, ich gehe nicht in die Türkei, ich sterbe stattdessen. Und er tat es. Er konnte nicht mehr leben."

Hans Poelzig starb 1936 in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls. Er ist auf dem Dorffriedhof in Wannsee begraben.

Sigrid Hoff, rbbKultur

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Haus des Rundfunks © Jens Kalaene/dpa
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Im Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Berlin-Charlottenburg feierlich eingeweiht. Nach nur 19 Monaten Bauzeit war ein Gebäude entstanden, das eigens für die Zwecke der Rundfunkübertragungen konzipiert war, nach München das zweite seiner Art und europaweit einzigartig – der Beginn einer neuen Ära. Der 90. Geburtstag unseres Funkhauses ist Anlass für rbbKultur, regionale Künstler*innen und Kulturschaffende einzuladen, sich bis zum 31. März 2021 für ein Kunstprojekt im Haus des Rundfunks zu bewerben.