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Machtmissbrauch und Übergrifflichkeiten - Misogynie in der Literaturkritik?

Von knapp 100 Preisen für deutschsprachige Literatur gingen im vergangenen Jahr rund zwei Drittel an Autorinnen: Der Büchner-Preis an Elke Erb, der ebenfalls hochdotierte Breitbach-Preis an Nora Bossong, Anne Weber erhielt den Deutschen Buchpreis. Schriftstellerinnen spielen also ganz sicher keine untergeordnete Rolle. Sie sind erfolgreich. Aber: "Ein professioneller Umgang damit fällt nicht jedem Kritiker leicht" behauptet ein vielbeachteter Artikel im Literatur-Blog '54books' und konstatiert "Misogynie in der Literaturkritik". Trifft das zu? Darüber sprechen wir mit der Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Daniela Strigl.

rbbKultur: Guten Morgen, Frau Strigl. "Die Misogynie in der Literaturkritik reicht von persönlichen Attacken in Form von Rezensionen bis zu Machtmissbrauch und Übergrifflichkeiten", das schreibt Nicole Seifert, Autorin des Blog-Eintrags. Es sei an der Zeit, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und darüber zu reden. Sehen Sie das auch so?

Strigl: Ja. Ich glaube, das ist eine Diagnose, die durchaus zutrifft. Wobei es natürlich gar nicht so leicht ist, diese Misogynie festzumachen, weil es in der Literaturkritik ja um einzelne Bücher geht - und einen Trend festzustellen, ohne statistisches Material, das ist schwierig.

rbbKultur: Nun fallen tatsächlich Sätze wie "diese Autorin kann nicht denken". Das entspricht nicht wirklich einer sachlichen Literaturkritik … Es entsteht der Eindruck, dass Autorinnen - häufiger als ihre männlichen Kollegen - als Person zum Gegenstand der Kritik werden. Eigentlich ist das unter der Gürtellinie. Wie schätzen Sie das ein?

Strigl: Wenn man einer Autorin die Fähigkeit zu denken abspricht, dann ist das natürlich eine unsachliche Kritik. Es ist allerdings nicht so, dass Männer solche Untergriffe nie erfahren müssten. Aber ich denke, es gibt auch noch weitere Symptome. Wenn mehrere Symptome zusammenkommen - zum Beispiel, wenn Autorinnen vorgeworfen wird, ihre Themen seien "banal", betrifft es oft solche, die mit weiblicher Lebenswirklichkeit zu tun haben - dann kann man das schon in diese Richtung interpretieren.

rbbKultur: Sie sind Jurorin bei Literaturwettbewerben, u.a. beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Werden Schriftstellerin Ihrer Erfahrung nach anders kritisiert als Schriftsteller?

Strigl: Das glaube ich schon. Allerdings muss ich auch da sagen: manchmal auch von Frauen. Es ist nicht so, dass sie Autorinnen immer schonungsvoll behandelt würden. Ich würde auch noch weitergehen und sagen, es gibt auch eine positive Diskriminierung, die eigentlich frauenfeindlich ist. Wenn nämlich die Trennung zwischen Person, zwischen der Autorin und dem Text, über positive Signale funktioniert: Wenn also männliche Literaturkritiker diese meist jungen Autorinnen auch noch sehr "fesch" und anziehend finden und sie dann auch besser behandeln, als sie den Text eigentlich behandeln würden, ist das eigentlich eine Form von Diskriminierung.

rbbKultur: Das klingt, als gäbe es eine Art Machtproblem bzw. Machtspiel zwischen Männern und Frauen in der Literaturkritik …

Strigl: Im Literaturbetrieb geht es natürlich auch um Macht, um Einfluss - darum, das Sagen zu haben. Und immer, wenn es um Macht geht, geht es auch um Gender-Fragen - das lässt sich gar nicht trennen. Wenn man zum Beispiel als Kritiker mit anderen männlichen Kritikern eine Art Stammtischgespräch auf hohem Niveau führen will, dann rutschen natürlich dieselben Dinge, die bei einem leibhaftigen Stammtischgespräch passieren, in diesen literarischen Diskurs hinein.

rbbKultur: Die Autorin des Blog-Artikels, Nicole Seifert, sagt, die Auseinandersetzung sei zu oft nicht angemessen, weil "die Kritiker Traditionen weiblichen Schreibens nicht kennen". Das setzt doch voraus, dass es ein weibliches Schreiben gibt im Gegensatz zum männlichen?

Strigl: Ich würde sagen: ästhetisch nein, im engeren Sinn. Aber natürlich gibt es weibliche Traditionen, die Themen betreffen, es gibt da einen eigenen Kanon. Hinzu kommt, dass die Literaturkritik lange Zeit eine Männerdomäne war. Auch das hat sich geändert und diese Dinge fallen einfach mehr auf. Aber ich glaube nicht, dass es ein "weibliches Schreiben" in dem Sinne gibt, dass mit einem deutschen Satz anders umgegangen wird. Es ist auch nicht so, dass einem die Kenntnis der Tradition schon dazu befähigt, einen Text immer richtig zu verstehen. Es geht auch darum, dass man ihn verstehen will, dass man sich auf die persönliche Formensprache eines Textes einlassen will. Wenn einem zum Beispiel als Mann das Thema peinlich oder unangenehm ist, dann will man sich gar nicht darauf einlassen. Mir fällt als historisches Beispiel die Literatur von Marlen Haushofer ein, der man immer vorgeworfen hat, das sei eigentlich Hausfrauenliteratur. Man hat sich nicht darauf eingelassen, was darin über die Gesellschaft ausgesagt wird.

rbbKultur: Sie lehren Neuere Deutsche Literatur an der Universität in Wien. Ist das ein Thema unter den Studierenden bei Ihnen?

Strigl: Ja, und ich gebe auch immer wieder Seminare zur Literaturkritik. Da schauen wir uns historische Texte oder auch Fernsehausschnitte an - die berühmte Geschichte aus dem "Literarischen Quartett" mit Sigrid Löffler etwa, als Lehrbeispiel, wie Untergriffe auch innerhalb der Kritik gegenüber einer Kritikerin funktionieren.

Wenn man einmal den Blick dafür geschärft hat, dann fallen einem solche Dinge auf. Ich glaube, dass gerade junge Leute, die in den Betrieb einsteigen, sich davon auch rechtzeitig ein Bild machen sollten. Heutzutage kommt man als Kritiker mit gewissen Dingen aber wenigstens nicht mehr so leicht durch wie früher.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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