Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #7 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 31 bis 35

Für diese Woche hat unsere Kolumnistin Doris Anselm, Autorin und ebenfalls Proust-Erstleserin, eine Warnung für Sie: In den Folgen 31 bis 35 wird’s gefährlich – zumindest für Ihr Herz ...

Vorzugsaktien für Odette

Das unglückliche Verliebtsein, das dieser Roman ausdünstet, ist ansteckender als jedes Virus. Seien Sie bloß vorsichtig, das überträgt sich noch um drei Ecken. Ich weiß das leider aus Erfahrung. Ja, jetzt muss ich etwas bekennen, um das ich mich drücke, seit mir diese Kolumne angeboten wurde. Es ist echt peinlich. Aber ich kann’s jetzt nicht mehr geheimhalten. Nicht nach der herzzerreißenden Stelle im Buch, wo Swann sich in den Fahrplan vertieft wie in einen Liebesroman und darüber nachsinnt, warum er als einziger Mensch auf der Welt nicht dorthin fahren sollte, wo seine Odette gerade ist, wenn doch der Fahrplan so poetisch genau diese Möglichkeit anpreist.

Okay, also jetzt ich. Vor ein paar Jahren schon hab ich das Buch "Schmidt liest Proust" gelesen. Auch so ein Leseprotokoll über die "Suche nach der verlorenen Zeit", inzwischen weiß ich, dass es da noch eine Menge andere gibt. Jedenfalls dachte ich damals, ich könnte mithilfe des Berichts aus zweiter Hand vielleicht Zeit sparen. Hat nicht geklappt, wie ich jetzt merke. Außerdem erlag der proustlesende Autor, Jochen Schmidt, schon nach wenigen Kapiteln selbst Swann-gleich einem bitteren Verliebtsein in Frau aus seinem Umfeld und protokollierte auch das. Vielleicht war es nur Marketing, aber wenn, dann war es sehr gut gemacht. Denn mich wiederum, ("Anselm liest Schmidt liest Proust"), befiel damals nicht nur Mitgefühl, sondern ein heftiger Anfall von etwas, das ich rückblickend nur als Verknalltheit bezeichnen kann. Überflüssig, zu erwähnen, dass Jochen Schmidt zu diesem Zeitpunkt längst Familienvater und vom Markt war. Der ganze Proust-reife Projektions-Wahnsinn klang erst Monate nach der Lektüre vollständig ab. Also passen Sie bitte auf sich auf, mit diesem Werk ist nicht zu spaßen.

So. Nachdem ich mir das von der Seele geredet hab, kommen wir noch kurz zum Thema Geldanlage. Das war jetzt keine sehr subtile Überleitung. Aber wir können nicht alle Marcel Proust sein. Der schleicht das Thema "Kohle" ja genauso raffiniert langsam ein in die Beziehung zwischen Odette und Swann, wie er sich das von der verdammt gerissenen Odette wohl vorstellt. Sehr(!) frei nach Simone de Beauvoir: Man wird nicht als Sugar Daddy geboren, man wird dazu gemacht. Odette entwickelt bei der Abrichtung von Swann geradezu diabolische Züge. Trotzdem flößt sie mir Respekt ein. Noch nie hab ich von einer Prostituierten gehört, die sich von ihren Freiern in Aktien bezahlen lässt und dann auch noch den Unterschied zwischen gewöhnlichen und Vorzugsaktien kennt.

Was gibt’s noch, diese Woche? Ach ja. Der Autor hatte mal wieder ein paar Essay-Bruchstücke übrig, zu Architektur- und Kunstgeschichte. Die mussten irgendwo verklappt werden. Praktisch, wenn man da eine wehrlose Romanfigur hat, die grad durch ein hochherrschaftliches Treppenhaus läuft. Der Autor will es so, deshalb muss hier ausgiebig über Zeug wie die "Fresken der Eremitanikirche" nachgedacht werden. Als ob der arme Swann nicht schon genug Probleme hätte.

Doris Anselm, rbbKultur

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