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100-jähriges Jubiläum: Architekt Werner Düttmann - West-Berlin neu entdecken!

Die Architekturwelt Berlins feiert in dieser Woche den 100. Geburtstag eines der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit, Werner Düttmann. Er entwarf die Akademie der Künste und die Hansabibliothek, die Umbauung des Mehringdamms, das Brücke-Museum. Lauter Bauten, die auch für die Kulturgeschichte jenes Sonderkosmos West-Berlin stehen, der zunehmend in Erinnerung kommt. Ein Kommentar von Nikolaus Bernau.

Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Während die Erinnerung an die DDR tagtäglich stärker zu werden scheint, schien das von ihr eingemauerte West-Berlin über lange Zeit geradezu zu verschwinden. Erst in jüngster Zeit ändert sich das. Endlich. Dieser einst weltberühmte Sonderkosmos war nämlich in den 1950er bis 1980er-Jahren eines der großartigsten sozialen, ökonomischen und kulturellen Experimentierfelder, die es in der deutschen Geschichte je gab.

In keiner anderen deutschen Stadt lebten so viele Komponisten und Exilanten. Nirgends konnten die Musiker, Orchester und Chöre so verrückte Avantgarde-Stücke aufführen wie hier – eine West-Berliner Musikgeschichte, die möchte man mal lesen und hören. SFB und RIAS sowie die Alliierten-Sender waren in einer Art und Weise experimentell, die heute unter dem Quotenzwang fast undenkbar ist. In West-Berlin entstanden Malerei und Skulptur, Literatur und Dichtung, die anderswo schlicht dem Zwang zum Verdienst zum Opfer gefallen wären. Und dann das Tempodrom … verrückt, aber einzigartig.

Die vielen Milliarden Subventionen, die der Bund mit seinen Abschreibungsgesetzen und als direkte Hilfen nach West-Berlin schaufelte, verdampften nicht nur in Korruptionsskandalen. Kaum irgendwo in Deutschland entstanden so viele interessante neue Kirchen. Die Staatlichen Museen in Dahlem wurden in den 1970er-Jahren mit ihren Dunkelmuseen zur absoluten internationalen Avantgarde – heute bauen sie mit dem Museum der Moderne auf dem Kulturforum das, was alle anderen auch schon haben: eine repräsentative Ziegelscheune. Die Amerika-Gedenk-Bibliothek und die Neue Staatsbibliothek, selbst die kleine Hansabücherei Werner Düttmanns sind in jeder Bibliotheksbaugeschichte zu finden.

Sicher, West-Berlin war auch reaktionär und spießig, blindwütig antikommunistisch, vom Filz der Gewerkschaften, der SPD und der CDU dicht durchwoben. So mancher floh von hier, sah den Fall der Mauer eben nicht nur als Befreiung der DDR, sondern auch als den von West-Berlin. Und doch, dreißig Jahre später erkennen wir: Viele Themen, die damals debattiert werden konnten, sind heute noch aktuell. Die Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße war ein gigantischer Bauskandal – und sie ist immer noch ein Modell, wie man mit Verkehrstraßen umgehen kann, die unsere Innenstädte zerschneiden.

Schon in der West-Berliner Internationalen Bauausstellung von 1987 wurde gefordert, die Innenstadt wieder zum Ort der Lebensmittelproduktion zu machen, die Wände zu begrünen, Wasser und Platz zu sparen, die Mieter vor der Spekulation zu schützen. Alles Themen, die wir heute wieder debattieren. Oder immer noch. Es lohnt sich, West-Berlin neu zu entdecken.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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